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#WrestlingDeutschland im Stillstand – Die Auswirkungen von Corona

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Vor etwas mehr als einer Woche, kamen in Oberhausen drei Tage lang über 1.000 Zuschauer und Aktive, sowie in Berlin am Samstag über 500 Zuschauer zusammen, um zwei große Wrestlingevents zu feiern. Unvorstellbar eigentlich, in Anbetracht der Maßnahmen, die direkt danach erlassen worden sind und tatsächlich hatten sowohl Westside Xtreme Wrestling (wXw), als auch meine Heimatliga, die German Wrestling Federation (GWF) unfassbares Glück, dass die Shows in der normalen Form stattfinden konnten.

Ich selbst war beim GWF Light Heavyweight World Cup ’20 leider nicht dabei und konnte demnach den großen Erfolg von Tarkan Aslan nicht selbst miterleben, der die Trophäe gewinnen konnte (die Show ist hier zu finden), allerdings war ich einer der unzähligen Zuschauer beim wXw 16 Carat Gold 2020, denn wir fahren seit mehreren Jahren immer als Gruppe, die sich im Internet kennengelernt hat, aus Deutschland und Österreich in die vielleicht hässlichste Stadt in Nordrhein-Westfalen und verbringen ein tolles Wochenende zusammen (die Shows sind hier zu finden). Doch an weitere Veranstaltungen sind in der nächsten Zeit nicht zu denken, weswegen die wXw und andere Promotions wie PRO (Pro Wrestling Deutschland), cOw (Championship of Wrestling), GHW (German Hurricane Wrestling), EWP (European Wrestling Promotion), NEW (New European Championship Wrestling) und gar neue Promotions wie Sirius Sports Entertainment ihre Shows verschieben oder gar komplett absagen mussten.

Wagen wir den Blick über #WrestlingDeutschland hinaus, dann betrifft die anhaltende Coronavirus-Krise auch den Branchenprimus WWE, denn die Promotion aus Nordamerika muss ihre größte Show WrestleMania (vergleichbar mit dem NFL Superbowl) von einem riesigen, mehrere zehntausend Menschen fassenden Stadion in eine Lagerhalle ohne Zuschauer verschieben. Andere Sportarten wie Football, Basketball, Fußball pausieren komplett, nachdem sich auch einige Spieler mit dem Virus infiziert haben – kaum auszudenken, was passiert, wenn ein Wrestler, der unter WWE-Vertrag steht, sich ansteckt.

Als (u.a.) Social Media Manager der German Wrestling Federation musste ich vor einigen Tagen verkünden, dass unsere anstehende Show GWF Blockbuster 2020 vom 12. April auf den 17. Mai 2020 verschoben wurde. Wir können uns diesen Luxus gewissermaßen leisten, da wir in diesem Jahr ohnehin geplant hatten, keine Sommerpause zu machen und anstatt wie üblich 10 Shows in Berlin in diesem Jahr 12 Shows zu veranstalten. Aber eigentlich können wir uns das überhaupt nicht leisten, da wir natürlich mit den monatlichen Einnahmen planen und davon eben auch Existenzen abhängen. Doch selbst Promotions, wo Leute nicht hauptberuflich dranhängen, werden mit den wirtschaftlichen Folgen umgehen müssen und es wäre absolut optimistisch, vielleicht sogar schon desillusioniert zu denken, das alle Promotions in der DACH-Region dies unbeschadet überstehen.

Es ist sehr schön zu sehen, dass die Krise nicht nur lahmlegt, sondern eben auch bewegt. Ein großer Dank an Alexander Flöter von PRO, der eine Kampagne ins Leben gerufen hat, um die Wrestler, mit denen er geplant hatte, dennoch angemessen entschädigen zu können. In Deutschland gibt es nur wenige Wrestler, für die dies tatsächlich der Hauptberuf und die einzige Einnahmequelle ist. Die meisten von Ihnen werden auch im privaten Leben nun sicher Angst um ihre berufliche Existenz haben und mit Verdienstausfall rechnen können. Wenn nun noch ein Dutzend Shows in den nächsten 4-8 Wochen abgesagt worden ist, fehlt das zusätzliche Einkommen und es ist toll zu sehen, dass die Community zumindest ein wenig für Ausgleich sorgen will.

Einige Promotions nutzen die Gelegenheit und bieten den Fans, die Zuhause sitzen, nun kostenlosen Content an, den sie sich auf ihren Smartphones und Fernsehern anschauen können. Die cOw hat beispielsweise einen Kampf zwischen Cody Hall (dem Sohn von Ex-WWE Superstar Razor Ramon/Scott Hall) und Aaron Insane hochgeladen. Die NEW hat ihren Februar-Event “Takeoff” für alle Fans auf Vimeo kostenlos zugänglich gemacht.

Persönlich würde ich mir hier noch ein wenig mehr wünschen, vielleicht eine gemeinsame Plattform für #WrestlingDeutschland. Rudimentär würde das ja schon mit Content auf YouTube gehen und einer Playlist, in der Shows und Matches von verschiedenen Ligen gesammelt werden. Wenn es nach mir gehen würde, könnte ich mir auch vorstellen, das On-Demand-Portal der GWF für die Zeit der Quarantäne komplett kostenfrei zu machen.

Und auch wenn man jeden Tag aufsteht, auf dem Balkon die Sonnenstrahlen genießt und frische Luft atmet, auch wenn man den Tag irgendwie verbringt – etwa mit Home Office und Film-Reviews – so befinden wir uns dennoch in einem Schockzustand. In einem gehörigen Stillstand. Stand heute findet GWF Blockbuster 2020 am 17. Mai 2020 statt, aber für mich ist es durchaus schwer, die Show massiv zu bewerben. Erstens wird sich die Zahl der Fans, die im Moment bereit sind, Geld für Tickets auszugeben, in Grenzen halten, denn zweitens ist ja nicht hundertprozentig klar, dass wir an diesem Tag wirklich wieder veranstalten können. Was ist, wenn die Maßnahmen ausgeweitet werden? In der Theorie sind wir durchaus in der Lage, die Show einen weiteren Monat zu verschieben, wir könnten im Sommer noch eine weitere Show streichen. In der Praxis aber schwingt diese Unsicherheit in jeder Entscheidung mit, weil sich alles jeden Tag ändern kann. Wir sind einfach nicht auf dem Fahrersitz, haben keine Kontrolle über die aktuelle Situation. Und die Anfrage, eine Show komplett ohne Zuschauer zu veranstalten und zumindest unsere Geschichten weitergeführen, wurde mit guter Begründung abgelehnt – hätte uns darüber hinaus auch nur in Unkosten gestürzt, schließlich hätten wir nur bezahlt und keinen einzigen Cent eingenommen.

Kein Wrestling, kein Kino, kein Theater, keine Stand-Up-Comedy. Für die Künstler ist dies gerade vielleicht die schwierigste Phase, die wir in unserer Zeit jemals erleben. Keine Einnahmen auf unbestimmte Zeit. Keine Möglichkeit, seine Talente auszuspielen oder weiter daran zu feilen. Und vor allem auch kein Nährboden für neue Ideen. Jazzy “Alpha Female” Gabert wollte mit ihrem Projekt Sirius Sports Entertainment einen neuen Weg gehen und Wrestling mit vielen anderen Showelementen verbinden. Das Ganze hätte im Gegensatz zu normalen Wrestlingshows nicht in einem Ring in der Mitte der Halle, sondern in einem Ring auf einer Bühne – ähnlich einem Theaterstück – stattgefunden. Tickets wurden verkauft, die Fans haben Vertrauen geschenkt und diese Erkenntnis, dass man kurz davor ist, seine erste, komplett eigene Show zu veranstalten, und dies dann nicht tun darf, ist ein schwerer Schlag. Vor allem, wenn man nicht genau weiß, wann es weitergeht.

Ich spreche da durchaus aus Erfahrung, denn derzeit sitze ich mit einem Team aus absolut fähigen Leuten zusammen und plane eine… ja, nennen wir es Plattform. Eine Plattform zum Kennenlernen, zum Weiterentwickeln, zur Unterhaltung. Tatsächlich eigene Wrestlingshows im Herzen von Berlin – und die erste Show sollte Ende Mai 2020 stattfinden. Doch wie bewirbst du etwas, wenn du nicht einmal weißt, ob es wirklich passieren darf? Nachdem du so viel Energie und Vorfreude entwickelt und auch hineingesteckt hast? Aufgeschoben ist allerdings nicht aufgehoben und so freue ich mich darauf, schon bald wieder mit Cris, Aytac, Abdul und René zusammenzusitzen und das weiterzuentwickeln, wovon ganz #WrestlingDeutschland profitieren kann.

The Show Must Go On. Nur, wann das passiert, wissen wir alle nicht. Dennoch darf man sich nicht in diesem Stillstand verlieren. Ihr arbeitet im Wrestling? Seid kreativ und versucht, eure Fans zu unterhalten oder entwickelt Ideen, wie ihr sie in Zukunft unterhalten wollt. Haltet sie auf dem Laufenden und kommuniziert – aber macht keine Angst und macht keine Panik. Ihr seid Fans? Dann unterstützt die Promotions, wo ihr könnt und schenkt ihnen Vertrauen. Beispielsweise, indem ihr euch die Shows auf Vimeo kauft oder ihr “Network” abonniert. Die 10 Euro tun euch im Moment nicht weh, weil ihr sie sowieso nicht ausgeben könnt oder sogar Geld für gekaufte Tickets zurückbekommen habt. Aber diese 10 Euro machen einen großen Unterschied für die Leute, die mit Wrestling versuchen ihr Leben zu finanzieren – und das bin nicht ich, denn ich arbeite ehrenamtlich.

Ich freue mich jetzt schon, euch alle bei einer der nächsten Shows zu sehen. Ich hab sogar schon ein neues, glitzerndes Jackett! Und dann können wir uns gemeinsam erinnern, was für eine verrückte Zeit wir überstanden haben. Passt bis dahin auf euch auf, bleibt gesund – und guckt Wrestling!

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