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Review: Wege des Lebens – The Roads Not Taken

Ein Mann verliert sich in seiner Vergangenheit und schafft kaum einen Schritt mehr, ohne seine Tochter an seiner Seite. Javier Bardem spielt diesen Mann, der von der liebwürdigen Elle Fanning durch einen Tag in seinem Leben gebracht wird in einem Film von Sally Porter, die nicht nur auf dem Regiestuhl Platz genommen hat, sondern auch das Drehbuch und den Soundtrack komponiert hat – beeindruckend!

Wege des Lebens – The Roads Not Taken
The Roads Not Taken

Trailer
Regie: Sally Porter
Erscheinungsjahr: 2020
Laufzeit: 86 Minuten

Molly (Elle Fanning, “A Rainy Day in New York”) sorgt sich um ihren Vater Leo (Javier Bardem, Oscar-Preisträger für “No Country For Old Men”), der vollkommen teilnahmslos in seinem Bett liegt und weder auf Telefonanrufe, noch auf die Türklingel reagiert. Leo leidet an einer Hirnatropathie, wirkt apathisch und dement, scheint sich aber mehr und mehr in seinen Traumwelten zu verlieren. Vor etlichen Jahren lebte Leo in seiner Heimat Mexiko mit seiner ersten Liebe Dolores (Salma Hayek, “Frida”), später zog er nach Griechenland um dort nach Inspiration für seine Schriftstellerkarriere zu suchen. Beide Phasen in seinem Leben haben ihn nachhaltig geprägt und so verliert er sich immer wieder in unterschiedlichen Szenarien seiner Vergangenheit, während seine Tochter versucht, mit ihm den Alltag zu bewältigen.

Tatsächlich sind diese Szenarien aber keine Erinnerungen, sondern Möglichkeiten, Kausalitäten, vielleicht sogar Leben, die Leo hätte leben können, wenn er sich in seinem Leben irgendwann anders verhalten hätte oder andere Entscheidungen getroffen hätte. Diese sind allerdings nicht erfüllt voller toller Ereignisse, sondern auch von Abweisung und Trauer – Dinge, die Leo vielleicht erspart geblieben sind. Allerdings kann er diese Ereignisse nicht in Worte fassen und damit nicht einmal mit seiner Tochter kommunizieren, die mehr und mehr einsehen muss, dass ihr Vater geistig vielleicht nicht mehr wirklich anwesend ist.

Trauer in Mexiko

Wie so oft bei sehr künstlerischen Filmen, habe ich vorher noch nie etwas von Sally Potter oder einem ihrer Werke gehört und kann damit nicht einordnen, wie “Wege des Lebens” in die Filmography der offensichtlich multi-talentierten Frau passt. Allerdings hat sie ein unfassbares Gespür für Bilder und hat mich an mehreren Stellen im Film sehr beeindruckt. Ich habe mich zwischenzeitlich gefühlt wie bei “Van Gogh – An der Schwelle zur Unendlichkeit”, der ein ebenso bildgewaltiger Film war. Besonders die Sequenzen, in der Leo mal in der Gegenwart ist, dann gedanklich beispielsweise in das Exil in Griechenland abweicht, aber dabei die Soundkulisse nahtlos in diese beiden Sequenzen übergeht, hat mich oft zum Staunen gebracht.

Der Film wird von einer unbändigen Unruhe getragen, die mich normalerweise in Filmen sehr stört. Keine Szene bekommt Luft zum Atmen, ganz im Gegenteil. Jedes Mal, wenn man sich gerade an das Bild gewöhnen will, wird man herausgerissen und in eine andere Szene transportiert. Nahtlos. Ein Stilmittel, welches mir eigentlich überhaupt nicht gefällt, aber mich ständig dazu gebracht hat, welche Erinnerungen nun wirklich wahrhaftig sind oder aber welche sich Leo nur vorstellt, die nie passiert sind. Ich habe ständig gerätselt, ob ich gerade Erinnerung oder Traum sehe und war von der gesamten Kunst sehr gefesselt.

Freiheit in Griechenland

Nicht nur Javier Bardem legt in diesem Film – wie üblich – eine tolle Leistung hin. Und Elle Fanning habe ich bereits im Woody Allen-Streifen “A Rainy Day in New York” mit ihrem unnachahmlichen Charme schätzen gelernt. In weiteren Nebenrollen sind Laura Linney (u.a. “Nocturnal Animals”) und die deutsche Schauspielerin Milena Tscharntke zu sehen, die ihre jeweiligen Rollen mit einer Spur Traurigkeit und Nostalgie auf der einen Seite und Hoffnung und Wärme auf der anderen Seite ausfüllen.

Auch der Score ist wahnsinnig stimmungsvoll und passt sehr gut zu den jeweiligen Szenen in Mexiko, oder aber zu den Szenen auf der griechischen Insel, auf der Leo seinen Roman weiterentwickelt.

Realität in den USA

Tatsächlich bin ich überrascht über die negativen Kritiken, die ich im Nachhinein über den Film gelesen habe. Tatsächlich habe ich mich vorab überhaupt nicht über den Film informiert, keinen Trailer gesehen, nicht auf iMDb oder Rotten Tomatoes nach der Wertung geschaut und kann der allgemeinen Haltung nicht zustimmen – was für mich relativ untypisch ist, dass ich einen Film um soviel besser bewerte, als die Allgemeinheit.

Ich habe einen spannenden, interessanten, mitreißenden und emotionsgeladenen Film gesehen, der mir tatsächlich sogar zu kurz vorkam. Aber letztlich ist “Wege des Lebens” nichts Anderes als ein Ausschnitt aus dem Leben eines Mannes, der bewusst Entscheidungen getroffen hat, die ihn zu dem Punkt geführt haben, an dem er jetzt ist. Natürlich wären weitere Hintergründe interessant, beispielsweise warum Leo nicht mehr mit seiner Ex-Frau – und der Mutter von Molly – zusammen ist. Für mich eine absolute Empfehlung.

Wertung: 8/10 Punkte

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