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Review: Sorry We Missed You

Dies ist kein gewöhnlicher Film, sondern ein sozialkritisches Familiendrama, bei dem das Zuschauen fast wehtut und man sich sehnlich mehr als einen Hoffnungsschimmer herbeiwünscht. Regisseur Ken Loach zeigt, wie schlecht es der Arbeiterklasse eigentlich geht.

Sorry We Missed You

Trailer
Regie: Ken Loach
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 101 Minuten

Ricky (Kris Hitchen) und Abbie Turner (Debbie Honeywood) haben sich ihr Leben wahrscheinlich ein wenig anders vorgestellt, als sie sich vor etlichen Jahren kennen- und lieben gelernt haben. Heute stehen sie mit ihren Beinen und zwei Kindern mehr oder weniger wackelig im Leben und besonders Ricky hangelt sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob. Eine dieser Möglichkeiten bietet ihm eine “selbstständige Anstellung” – er kann also frei über seine Zeit verfügen, hat aber eigentlich keine, wenn er wirklich Geld als Paketzusteller verdienen will.

Auch Abbie arbeitet hart als Altenpflegerin und sieht daher, genau wie ihr Mann, ihre beiden Kinder Seb (Rhys Stone) und Liza (Katie Proctor) kaum. Während Liza noch versucht, die Familie irgendwie zusammenzuhalten, schwänzt Seb die Schule, sprayt die Wände voll und scheint gar keine Lust auf seine Zukunft zu haben. Und der Zuschauer darf sich ansehen, wie die Familie immer weiter in den Strudel gerät.

Ein neues Kapitel beginnt.

Tatsächlich habe ich von Regisseur Ken Loach noch nie etwas gehört, weiß nun aber, dass der Brite bereits 2006 mit “The Wind That Shakes The Barley” und “Ich, Daniel Blake” zehn Jahre später zweimal die goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes gewonnen hat. Besonders der Letztgenannte schlug in eine ähnliche Kerbe und war ein Drama um einen Zimmermann, der um seinen Sozialhilfeanspruch kämpft, nachdem er aufgrund eines Herzinfarktes nicht mehr arbeiten kann. Und genauso nah an der Realität befindet sich auch “Sorry We Missed You”, welcher schonungslos zeigt, wie Menschen ausgebeutet werden, die sich auf einen Zeitvertrag oder eine Art Selbstständigkeit einlassen – was aber nur bedeutet, dass sie alle Risiken haben, alle Pflichten, alle finanziellen Schäden selbst tragen, aber dennoch an einen Arbeitgeber gebunden sind und dessen Regeln befolgen müssen.

Es ist fast schon schmerzhaft mit anzusehen, wie sich Ricky immer weiter in Schulden verstrickt, immer weiter von seiner Familie entfernt, diese immer weiter zerbricht. Und selbst, wenn es einen Hoffnungsschimmer gibt, wie die Tatsache, dass beim Familienabendessen sogar Harmonie herrscht oder Tochter Liza ihren Vater auf der Arbeit begleitet und Beide einen schönen Tag verbringen, gibt es immer wieder größere Stolpersteine.

Nur eine kurze Idylle.

Streckenweise wirkt “Sorry We Missed You” eher wie eine realitätsnahe Dokumentation, als wie ein abendfüllender Spielfilm. Mit Ausnahme von Kris Hitchen, der bereits einige, kleinere Rollen spielen durfte, sind die Hauptdarsteller allesamt Laien und kommen vielleicht gerade deswegen so authentisch rüber. Beispielsweise verhaspeln sie sich zwischenzeitlich bei den Dialogen, versprechen sich – aber das wirkt nicht falsch, sondern gerade echt.

Auch, dass der Film zum Großteil ohne untermalende Musik auskommt, sorgt dafür, dass alles so realitisch wie möglich wirkt. Anstatt eine dramatische Szene mit einem Soundtrack zu füllen, der auf die Tränendrüse drückt, hört man den Straßenlärm, spürt man die Emotionen und bleibt absolut auf dem Boden der Tatsachen.

Die harte Realität – hautnah.

Als Jemand, der sich selbst jahrelang als Zeitarbeiter durchgeschlagen hat, als Jemand der in seinem Lebenslauf viele Firmen zu stehen hat, der sich selbst beim Arbeitsamt melden musste, als Jemand, der Jobunsicherheit selbst erlebt hat, trifft “Sorry We Missed You” absolut ins Mark. Zum Glück war ich selbst nur für mich alleine verantwortlich, musste keine Familie ernähren und hatte letztlich nicht die gleichen Existenzängste, wie Familie Turner.

“Sorry We Missed You” ist ein permanenter Schlag in die Magengrube, der kaum Luft holen lässt. Am Ende muss der Zuschauer den Kinosaal auch ohne Hoffnungsschimmer für die Familie verlassen, als hätte man sie für ein paar Stunden besucht, dann aber wieder in sein eigenes Leben geht. Letztlich bleibt für mich am Ende nur die Frage nach dem Zweck. Wer ist das Publikum für diesen Film? Und kann ein sozialkritischer Film, der so realistisch und hautnah ist, irgendwas bewirken?

Mich hat der Film eher betroffen gemacht, als unterhalten. Und es ist eine Art Film, mit der ich einfach nicht warm werde, weil sie mich nachdenklich und hilflos zurücklässt.

Wertung: 6/10 Punkte

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