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Review: Late Night – Die Show ihres Lebens

Gibt es eigentlich irgendwelche weiblichen Late Night Talk Show-Hosts? Irgendein weibliches Pendant zu Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel, Trevor Noah und Co.? Tun wir einfach mal so, als wäre dies bereits seit 20 Jahren der Fall, denn genau das ist die Prämisse von “Late Night”.

Late Night – Die Show ihres Lebens
Late Night

Trailer
Regie: Nisha Ganatra
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 102 Minuten

Katherine Newbury (Emma Thompson in Hochform) führt seit fast zwei Dekaden durch ihre Late Night-Show, scheint aber irgendwie den Bezug zur Gegenwart verloren zu haben und verlässt sich auf eingestaubte Gags und langweilige Gespräche auf der Couch. Als ihr dann auch noch unterstellt wird, ein Problem mit Frauen zu haben, lässt sie ihren Assistenten Brad (Denis O’Hare) kurzerhand eine neue Autorin einstellen. Allerdings kann Molly Patel (Mindy Kaling, “The Office”) eigentlich keinerlei Erfahrungen vorweisen und arbeitet sonst in einer Chemiefabrik. Kein Wunder also, dass sie weder von Katherine, noch von ihren ausschließlich männlichen Kollegen im achtköpfigen Team sonderlich ernstgenommen wird.

Ein Huhn im Korb

Da ist beispielsweise Tom (Reid Scott), der Chefautor des Monologes zu Beginn jeder Show, der als Einziger des Autorenteams überhaupt bei den Aufzeichnungen an die Bühne darf, sich aber genauso wie der Rest von Molly künstlich bedroht fühlt. Einzig Burditt (Max Casella), immerhin schon von Anfang an im Team und Charlie (Hugh Dancy) versuchen irgendwie freundlich gegenüber Molly zu sein, die daran zweifelt, der Aufgabe gewachsen zu sein. Doch die Zeit drängt, denn die neue Chefin des Senders (Amy Ryan, ebenfalls “The Office”) will Katherine durch einen neuen Moderator ersetzen. Und so zweifelt nicht nur Molly an ihren Fähigkeiten, sondern auch Katherine daran ob sie überhaupt noch eine Zukunft hat oder sich mit ihrem Mann Walter (John Lithgow) lieber in den Ruhestand begeben sollte.

Tatsächlich hätte der Film kaum besser besetzt werden können, als mit Emma Thompson und Mindy Kaling in den Hauptrollen. Während Thompson die exzellente, auf Klasse achtende Moderatorin mit spitzer Zunge unfassbar gut steht, möchte man Kaling einfach nur in den Arm nehmen und nimmt es ihr jederzeit ab, dass sie für ihren Traumjob alles tun würde, außer ihre eigenen Werte zu verraten. So ist “Late Night” nur nur eine tolle Komödie, sondern hat auch noch eine tolle Botschaft und schafft den Spagat zwischen guten Witzen und Female Empowerment mühelos.

Ohne Liebesduselei. Wirklich!

Tatsächlich ist es erfrischend, dass keine Romanze im Mittelpunkt von “Late Night” steht – was nicht bedeutet, dass es nicht den ein oder anderen Kuss gibt. Aber stattdessen geht es um Niederlagen, um Versagen und ums wieder aufstehen und weitermachen. Es geht darum sich durchzusetzen, was man auch schafft, ohne gedankenlos die Ellenbogen auszufahren – und um so viel mehr, denn auch Katherine Newbury ist kein fehlerloser Mensch, das damit beginnt, dass ihr ihre Mitmenschen vollkommen egal sind und sie ihre Schreiberlinge mit Nummern versieht, weil sie keine Zeit zum Lernen der Namen hat und damit endet, dass sie am Ende nicht nur ihre Show, sondern auch ihre Ehe verlieren könnte. Wie Emma Thompson zwischen guten, witzigen Kommentaren, angeknackstem Stolz und Existenzangst wechselt, ist einfach nur beeindruckend.

Mindy Kaling hingegen ist nicht die beste Schauspielerin, aber füllt die Rolle mit ausreichend Sympathie und Herz. Etwas, was sie bei mir bei “The Office” niemals erreicht hat – hier aber sehr gut gelingt. Molly Patel war nie dazu auserkoren, es im Showbusiness zu schaffen – oder überhaupt zu versuchen. Aber sie findet sich schnell hinein und verliert dabei nie ihr eigenes Wesen – und dabei wirkt auch Mindy Kaling stets authentisch, wahrscheinlich auch, weil es ihr selbst nicht groß anders gegangen ist. Schließlich ist sie nicht nur Schauspielerin, sondern auch tatsächlich Autorin (unter anderem bei “The Office”) und hat mit “The Mindy Project” ihre eigene, sechs Staffeln laufende Serie produziert. Ihre Erfahrungen in Hollywood hat Kaling unter anderem in ihrem zweiten Buch verarbeitet.

Absolute Gleichberechtigung – wir lachen über alle.

Ich war von “Late Night” sehr positiv überrascht. Ich habe eine sehr seichte Komödie mit viel Herzschmerz erwartet und habe eine sehr clevere Komödie mit Substanz und etlichen, wirklich etlichen guten Lachern bekommen. Und es ist kein aufreiber Geschlechterkampf, bei dem die Emanzipation stets ins Gesicht gerieben wird. Die Frauen teilen genauso aus, wie die Männer. Die Männer stecken genauso ein wie die Frauen. Und exakt dieser Fakt macht “Late Night” zu einem Film, bei dem Frauen beim Mädelsabend genauso viel Spaß haben werden, wie eine bunt durchgemischte Truppe von Freunden. Und alleine deswegen würde ich so einen Film jederzeit einem erzwungenen Mist wie dem “Ghostbusters”-Remake vorziehen. Hier sprudelt ein Film vor Originalität, Frauen werden stark und tatsächlich gleichberechtigt dargestellt, sie stehen im Mittel- aber nicht im Vordergrund und genau so muss eine gute, charmante Komödie wirken. Im Kontrast dazu hat man beispielsweise bei “Ghostbusters” einfach eine Männerdomäne genommen, einen Frauensticker draufgeklebt, gesagt “So, das muss euch gefallen” und wundert sich bis heute, warum man(n) da auf die Barrikaden geht.

Ich würde mich dazu hinreißen lassen, “Late Night” als eine der besten Komödien der letzten Jahre zu bezeichnen, die ich jeder Person empfehlen würde, die gerne lacht. Bonuspunkte gibt es übrigens für das Namedropping eines Charakters namens “Vernon Gleason” (was natürlich auf Paul Gleason anspielt, der in “The Breakfast Club” den Schuldirektor Vernon darstellte) und für einen der charmantesten Lacher, als PR-Spezialistin Robin (Megalyn Echikunwoke) erklärt, wie Leonardo DiCaprio tatsächlich seinen Oscar bekommen hat.

Wertung: 8/10

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