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Review: Irresistible – Unwiderstehlich

Jeder, der sich auch nur ein paar Augenblicke mit amerikanischer Politik und dem dortigen Wahlsystem auseinandersetzt, weiß wie abstrus das Ganze werden kann. Kein Wunder also, dass – besonders im Wahljahr – bissige Politiksatiren auf die Leinwand kommen, wie das neueste Werk des ehemaligen Talkshow-Hosts Jon Stewart, in welchem Steve Carell und Rose Byrne in einer typischen Kleinstadt auf Stimmenfang gehen.

Irresistible – Unwiderstehlich
Irresistible

Trailer
Regie: Jon Stewart
Erscheinungsjahr: 2020
Laufzeit: 102 Minuten

Die Präsidentschaftswahl 2016 haben die Demokraten verloren – und das nagt an Kampagnenmanager Gary Zimmer (Steve Carell). Erst als ein Kollege, dessen Namen er sich nicht merken kann, Gary ein Video eines Kriegsveteranen aus Deerlaken, Wisconsin vorspielt, wird das Feuer in ihm entfacht. Colonel Jack Hastings (Chris Cooper) bietet dem sesshaften Bürgermeister Braun (Brent Sexton) die Stirn und bietet sich damit nicht nur als Aspirant auf den Posten an, Gary sieht in ihm sogar einen potentiellen Kandidaten auf nationaler Ebene. Also packt der erfolgreiche Politiker aus Washington D.C. seine Koffer und reist in das konservative Heartland, um mit seiner Expertise und ein paar Milliönchen ein bisschen Wahlkampf zu machen.

Unterstützt wird Gary nicht nur von Jacks Tochter Diana (Mackenzie Davis), sondern auch von seinem Team, wie beispielsweise den Analysten Kurt (Topher Grace) und Tina (Natasha Lyonne). Doch die Schlammschlacht beginnt erst, als Garys republikanische Erzfeindin Faith Brewster (Rose Byrne) auftaucht, um dem scheidenden Bürgermeister zur Wiederwahl zu verhelfen.

Packt selbst mit an: Gary Zimmer

Jon Stewart ist in seiner Heimat dafür bekannt, die Medien und TV-Journalisten hart zu kritisieren und macht davor natürlich auch in seinem zweiten Spielfilm nicht halt. Schon in den ersten Minuten werden die Mikrofon- und Kamerahalter von Gary Zimmer und Faith Brewster nach Strich und Faden belogen und auch im Verlaufe des Filmes brauchen die Beiden nur einen Satz zu sagen, der anschließend gleich als Wahrheit gilt, wie etwa, als Faith behauptet, sie würde selbst aus Deerlaken stammen.

Wisconsin gehört zu einem der vielen Swing States in Amerika, was bedeutet, dass es vor einer Wahl selten glasklar ist, ob die Mehrheit des Staates bei einer Wahl zu der demokratischen oder republikanischen Partei tendiert. Dementsprechend lassen sich Vertreter der Parteien dort quasi nur alle vier Jahre blicken und machen ein paar Versprechen um auf Wählerfang zu gehen. Da eine ordentliche Kampagne auch ordentlich Kohle benötigt, wird die Kleinstadt, in der sich jeder beim Namen grüßt, bevor man einander vorgestellt wird, plötzlich zum politischen Mittelpunkt und Colonel Jack wird reichen Schnöseln in New York City vorgestellt, als wäre er ein frisches Stück Fleisch.

He is a real american, fights for the rights of every man.

Am Ende des Tages scheint Colonel Jack für Gary Zimmer nur ein Instrument zu sein – und der einzige Grund, warum Faith Brewster den eigentlichen Bürgermeister unterstützt ist, um Gary eins auszuwischen – trotz der sexuellen Spannung, die zwischen den Erzfeinden herrscht. Zimmer macht aus seinen Ambitionen keinen Hehl, behandelt seine Umgebung immer etwas von oben herab, und stößt dabei mehrfach den Bürgern von Deerlaken vor den Kopf – besonders Jacks Tochter, die bei weitem nicht so einfältig ist, wie Gary es vermutet.

Bei dem Regisseur und dem Cast – ich bin ein riesiger Steve Carell-Fan und könnte “The Office” beinahe monatlich verschlingen – ist es natürlich auch kein Wunder, dass die reine Comedy nicht zu kurz kommt. Abgesehen von ein paar Gags, die mir eine Spur zu weit in Fäkalhumor gehen, habe ich in einigen Szenen wirklich herzhaft gelacht und habe mich gefreut, als die einzige Person, die sonst noch in meiner Reihe im Kino saß (insgesamt waren wir fünf Leute), ebenfalls laut gelacht hat. Dann fühlt man sich nicht ganz so merkwürdig. An dieser Stelle ein großes Lob an das Rollberg Kino in Berlin-Neukölln, welches im Gegensatz meiner Stammkinos in Charlottenburg diesen Film überhaupt zeigt.

Die Absurdität des Fernseh-Journalismus.

Im Endeffekt hat mir “Irresistible” sehr gut gefallen. Ich fand ihn charmant, ich fand ihn witzig und die Qualität einiger per Photoshop zusammengebastelten Bilder (Rose Byrne mit Donald Trump am Tisch beispielsweise) war schon fast erschreckend gut, wobei mich in Zeiten der Reface-App und Deepfakes eigentlich nichts mehr wundern sollte.

Woran der Film letztlich ein wenig krankt ist, dass er nicht wirklich in die Tiefe geht und jegliche Konsequenzen abhanden kommen. Zwar bietet er einen netten Twist, den ich in der Form nicht erwartet habe (in erster Linie, weil ich gar nicht daran gedacht habe, dass überhaupt ein Twist kommen könnte), am Ende der Geschichte hat man ein ungefähres Bild, wie Politik in diesen Swing States funktioniert, der Zeigefinger wird vom Moralapostel ein bisschen gewedelt – aber mehr als ein kleines Abziehbild ohne Wirkung wird “Irresistible” nicht sein. Für einen gemütlichen Kinoabend mit Popcorn reicht es und ich wurde besser unterhalten, als ich es gedacht habe.

Wertung: 7/10 Punkte

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