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Review: Exil

Wie fremd kann man sich in einem anderen Land fühlen? Diese Frage stellt Regisseur Visar Morina in diesem Drama, welches auch als Thriller funktioniert und den mentalen Verfall eines Pharmaingenieur zeigt, der eigentlich aus dem Kosovo stammt und trotz Familie nie wirklich angekommen zu sein scheint.

Exil

Trailer
Regie: Visar Morina
Erscheinungsjahr: 2020
Laufzeit: 121 Minuten

Auf den ersten Blick ist Xhafer (Mišel Matičević) gut integriert. Der Kosovo-Albaner ist mit einer deutschen Frau (Sandra Hüller) verheiratet und hat mit ihr drei Kinder, zudem begleitet er als Pharmaingenieur ein wichtiges Projekt – doch akzeptiert fühlt er sich nicht. Und seine Paranoia beginnt, als ihm Jemand eine tote Ratte an den Zaun hängt.

E-Mails werden nicht weitergeleitet und er sitzt alleine im falschen Besprechungsraum, wichtige Unterlagen erreichen ihn gar nicht und plötzlich steht sogar der Kinderwagen der Familie in Flammen. Dahinter vermutet Xhafer, der stets seinen Namen beim Vorstellen mindestens einmal wiederholen muss, seinen Kollegen Urs (Rainer Bock), der stets unter Stress zu stehen scheint und kein Wort mit Xhafer wechseln will. Als sich dann auch sein scheinbar einziger Freund Manfred (Thomas Mraz) von ihm abzuwenden scheint und seine Frau seine Emotionen hinsichtlich der seiner Meinung nach bewussten Schikane nicht nachvollziehen kann, beginnt der Vulkan nicht nur zu brodeln.

Misstrauen macht sich breit in der Familie

Handwerklich ist “Exil” ein wirklich beeindruckender, beklemmender Film. Anstelle eines emotionalen Soundtracks gibt es eine Geräuschkulisse, als würde Jemand mit einem Hammer auf Heizungsrohre schlagen, die nicht nur bedrohliche Situationen ankündigen, sondern auch urplötzlich enden. Xhafer wird von langen Kamerafahrten durch verwinkelte, karge Flure der Pharmafirma begleitet, die bei jedem Schritt enger wirken. Der Fokus liegt so sehr auf Hauptdarsteller Mišel Matičević, dass alle anderen Rollen quasi zu Nebendarstellern werden und in manchen Dialogszenen nicht einmal zu sehen sind. Von der reinen Machart hat mich ein deutscher Film seit “Victoria” nicht mehr so sehr begeistert.

Wie sehr der Film autobiographisch ist, bleibt unklar – allerdings wird Visar Morina, der nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat, mit Sicherheit zumindest seine eigene Gefühlswelt mit hat einfließen lassen, da er selbst im Kosovo geboren ist und sich ohne die Sprache zu sprechen als Jugendlicher in Deutschland durchschlagen musste. Morina hat in Interviews auch darüber gesprochen, dass die Kölner Silvesternacht 2015/2016 ein tragendes Motiv für den Film gewesen sei, da er sich anschließend zum ersten Mal seit langer Zeit wieder als Ausländer, als Fremder in Deutschland gefühlt habe, da offene Grenzen wieder stärker bewacht worden und sich eine gewisse Grundparanoia in der Bevölkerung entwickelt hat.

Tatsächlich liefert das Drama am Ende fast mehr Fragen als Antworten und lässt den Zuschauer am Ende mit einigen offenen Fäden zurück.

Alleine gegen die Welt

Die Geschichte ist in meinen Augen auch das, woran “Exil” am meisten krankt – wenn man es überhaupt so nennen kann. In meinen Augen ist es durchaus berechtigt, offen zu lassen, welche Geschehnisse wirklich der Realität entsprechen und welche sich Xhafer in seiner Paranoia vielleicht einfach nur einbildet. Letztlich bleibt es allerdings unbeantwortet, ob Xhafer sich in Hirngespinnste hineinsteigert und damit sein gesamtes Umfeld dazu bringt, sich von ihm abzuwenden.

Als Jemand, der seinen Namen ebenfalls stets erneut vorsagen oder buchstabieren muss, aber dennoch regelmäßig falsch angesprochen oder ausgeschrieben wird, gibt es durchaus Aspekte, die ich nachvollziehen kann. Ohne aber am Ende ein schlüssiges Ergebnis zu bekommen, hat “Exil” mich allerdings nach der Hälfte der Geschichte verloren, auch weil Xhafer eben kein Unschuldslamm ist und tatsächlich Dreck am Stecken hat und man dementsprechend auch keinem beruhigeren Ende entgegen fiebert.

Dennoch funktionieren die Stilmittel hervorragend, um den psychischen Verfall des Hauptcharakters mitzuerleben. “Exil” ist am Ende in meinen Augen ein Film, der viel versucht und viel will, dem auch viel gelingt, dem allerdings am Ende das Gespür für Tempo ausgeht und der viele andere, interessante Charaktere und Motivationen, wie etwa das von Xhafers Kollegen Manfred, komplett außer Acht lässt und mich als Zuschauer im Endeffekt auch etwas unerfüllt im Kinosessel zurückgelassen hat.

Wertung: 5/10 Punkte

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