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Review: Die Wütenden – Les Misérables

Es wird laut, es wird aggressiv, es wird dreckig. In dieser Mischung zwischen Spielfilm und moralweisender Zeigefinger zeigt Regisseur Ladj Ly, dass sich in den Pariser Vororten hinsichtlich der Armut eigentlich relativ wenig getan hat, seitdem Victor Hugo seinen Roman “Die Elenden” (beziehungsweise “Les Misérables”) veröffentlichte.

Die Wütenden – Les Misérables
Les Misérables

Trailer
Regie: Ladj Ly
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 105 Minuten

Der ruhige Polizist Stéphane Ruiz (Damien Bonnard) hat sich seinen ersten Tag an der neuen Arbeitsstelle in Montfermeil, einem Vorort von Paris, sicher anders vorgestellt. Doch an der Seite seiner neuen Kollegen Gwada (Djebril Zonga, den die deutschen Medien konsequent falsch geschrieben wird – er heißt nicht Djibril Zonga) und Chris (Alexis Manenti) lernt er seine neue Heimat gleich knallhart kennen. Das Trio soll eigentlich den Frieden im sozial benachteiligten Viertel sorgen, doch während Gwada – der selbst in Monfermeil geboren ist, versucht die Sachen ruhig angehen zu lassen, ist Chris ein absoluter Hitzkopf, ein Großmaul und nutzt seine Macht gnadenlos aus.

Während die Kriminellen und die Polizisten sich gegenseitig dulden, um keine großen Schwierigkeiten hervorzubringen, klauen ein paar Kinder ein Löwenbaby von einem Zirkus. Anstatt sich an Protokolle zu halten, scheint besonders Chris davon angetan zu sein, mit aller Gewalt den Frieden im Viertel aufrecht erhalten zu wollen, während er die gefährlichen Zirkusmitarbeiter und die Kriminellen des Ortes im Nacken hat. Stéphane ist mittendrin und weiß nicht, ob er an seine Menschlichkeit oder an seine Loyalität appellieren soll.

Das Trio infernal von Montfermeil – Stéphanie, Chris und Gwada.

Nominiert als bester fremdsprachiger Film bei den Golden Globes und Oscars, überschüttet mit guten Kritiken und in meinen Augen mit einer sehr interessanten Prämisse. Leider konnte “Die Wütenden”, soviel kann ich schon verraten, meine Erwartungen in keinster Weise erfüllen.

Mit Handkameras gefilmt erinnert der Film streckenweise an “End of Watch” und will besonders realitätsnah, besonders dramatisch wirken. Als wäre man der vierte Kollege der Truppe, der die Einsätze stumm miterlebt. Für Regisseur Ladj Ly ist “Die Wütenden” mit Sicherheit eine Herzensangelegenheit, stammt der Regisseur schließlich selbst aus dem Vorort und erlebte selbst das Elend, die Gewalt, die Konflikte. Und wahrscheinlich hätte der Film für mich als Dokumentation weitaus besser funktioniert, als als Spielfilm ohne wirklichen Protagonisten. Stéphane steht meist nur teilnahmslos daneben ohne irgendeine Initiative zu ergreifen, Gwada scheint so etwas wie Moral in sich zu tragen, hält aber meistens die Klappe oder unterstützt seinen stets gewaltbereiten und wirklich abartigen Kollegen Chris bei jeder Gelegenheit. Weder der selbsternannte Bürgermeister, noch die Kinder, die allesamt ihre eigenen Probleme mit sich bringen, sind in irgendeiner Form sympathisch – das mitfiebern erübrigt sich also.

Problemkinder im Problembezirk.

Stetig knistert und brodelt es, wie die Hitze über Montfermeil. Jedes Aufeinandertreffen steht unter der stetigen Gefahr, dass es zum großen Knall kommen könnte. Und so besteht der Film gefühlt zu 80% daraus, dass sich verschiedene Parteien anschreien. Kein Witz.

Der Film baut über die gesamte Laufzeit enorme Spannungen auf – ohne diese irgendwann wirklich abzubauen. Stattdessen kommt es zum großen Knall und genau an der Spitze wird der Zuschauer zurückgelassen. Dies kann aufwühlen, dies kann aber auch sehr unbefriedigend wirken. Letztlich ist dies aber mit Sicherheit gewollt, denn “Die Wütenden” soll wie ein mahnender Zeigefinger wirken, aufrütteln, Staub aufwirbeln.

Tatsächlich ergreift der Film – aufgrund fehlender Protagonisten – auch nie Partei. Es sind nicht “die bösen Polizisten” und die armen Kinder, die von Ihnen schikaniert werden. Alle haben eine große Klappe, alle haben keinen Respekt voreinander, alle leisten sich Dinge, die man sich nicht leisten sollte.

Stets bereit seine Pistole drohend herumzuwedeln: Chris.

Als Stilmittel funktioniert dies hervorragend, man ist ein hilfloser Zuschauer, der einfach nur erlebt. Einfach nur erlebt, ohne irgendwas an der Situation ändern zu können. Nun gut, dies ist in keinem Film anders – außer wir sprechen von einem interaktiven Streifen. Aber letztlich wurde ich persönlich selten so unbefriedigt zurückgelassen, wie bei “Die Wütenden”.

Ich kann durchaus anerkennen, dass der Film handwerklich gut gemacht ist, durchaus eine interessante Message hat und kulturell wertvoll ist. Am Ende muss ich mich aber fragen, ob der Film mich in irgendeiner Weise unterhalten hat – und das hat er nicht. Ich bin da definitiv die Ausnahme, weil der Film in den Medien durchaus sehr gelobt wird. Aber ich wurde schon während des Filmes nicht unterhalten, sondern habe einfach nur Charaktere gesehen, die mir durchweg unsympathisch waren und wurde mit einem überaus unbefriedigenden Ende zurückgelassen.

Wer an “Die Wütenden” Gefallen findet: Bitte. Als Dokumentation: Gerne. Als abendfüllender Spielfilm: Nein, danke.

Wertung: 2/10 Punkte

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