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Review: 1917

Von allen Filmgenres, die es gibt, gehören Kriegsfilme in meiner Beliebtheitsskala definitiv an das untere Ende. “Dunkirk” und “Der Soldat James Ryan” sind handwerklich sicher gut gemacht, lassen mich aber einfach nur gähnen. Wenn aber ein Film wie “1917” für zehn Oscars nominiert wird und auch ein paar Golden Globes abräumt, sollte ich mal reinschauen.

1917

Trailer
Regie: Sam Mendes
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 119 Minuten

Es hätte ein ruhiger Tag während des ersten Weltkrieges am 6. April 1917 in Nordfrankreich sein können, doch die beiden Lance Corporals Tom Blake (Dean-Charles Chapman) und Will Schofield (George MacKay) werden von General Erinmore (Colin Firth) aufgefordert, eine wichtige Nachricht zum II. Batallion von Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) zu bringen. Wenn die Beiden es nicht schaffen, wird das Batallion direkt in einen Hinterhalt der deutschen Armee rennen und Blakes Bruder Joseph, der im II. Batallion dient, würde sterben. Für Tom Grund genug, um sofort die Reise anzutreten, bei der er und sein Freund durch das Niemandsland marschieren müssen und dabei stetig der Gefahr ausgesetzt sind, auf deutsche Streitkräfte zu treffen.

Irgendwas stimmt hier nicht…

Ich mag keine Kriegsfilme. Ich kann es gar nicht oft genug betonen und bin selbst davon überrascht, wie gut mir “1917” letztlich gefallen hat. Ich habe bisher keinen einzigen Film von Sam Mendes gesehen – ich habe sowieso noch nie einen James Bond-Streifen gesehen und selbst “American Beauty” habe ich nicht geschaut. Allerdings hat mir der Film schon alleine handwerklich so viel Spaß gemacht, dass ich gar nicht drum herumkomme, diese Bildungslücken ein wenig zu füllen.

“1917” ist aufgebaut, als wäre der Film am Stück gedreht worden. Technisch also in die gleiche Richtung wie “Birdman” und nicht ganz so beeindruckend wie “Victoria”, aber immer noch sehr, sehr gut gemacht. Man muss wirklich darauf achten um zu sehen, wann die Schnitte tatsächlich passieren. So spielt der Film quasi in Echtzeit und dementsprechend sitzt die Zeit auch permanent im Nacken. Schofield und Blake treffen auf ihrer Reise auch auf Gegner und sind damit der nackten Gefahr ausgesetzt, ihr Leben für das Überbringen einer wichtigen Nachricht zu lassen.

Die Gefahr lauert auch in der Luft.

Untermalt wird das Ganze durch einen grandiosen Score von Thomas Newman, der in der Vergangenheit unter anderem für “Spectre”, “WALL·E” und “The Green Mile” (um mal drei vollkommen unterschiedliche Filme zu nennen) die Scores komponiert hat. Fast jede Szene wird durch die Musik beeindruckend verbessert und genauso so sollte ein Soundtrack in meinen Ohren sein. Passend zum Geschehen und so, dass es auch im Kopf bleibt. Besonders beeindruckend ist die Sequenz, in der die beiden Lance Corporals ihren schützenden Graben verlassen, über das leere Schlachtfeld laufen und man das Ausmaß des Krieges, die abgebrannten Baumstümpfe, die zerstörten Gebäude, die etlichen Löcher im Feld mit Leichenteilen hautnah miterlebt und dazu “Gehenna” von Thomas Newsman läuft. Was für eine beeindruckende Szene.

Die schauspielerischen Leistungen sind gut bis herausragend. Natürlich sticht George MacKay – warum eigentlich nicht Oscar-nominiert? – in der Rolle von Schofield ein wenig hervor, der schon zu Beginn sehr verbittert wirkt und eigentlich nicht auf die Reise wollte – warum erfährt man im Laufe des Filmes. Sein Freund Blake ist mir angesichts der Situation manchmal ein wenig zu flapsig, aber so ist eben sein Charakter. Schlecht spielt Dean-Charles Chapman deswegen nicht, ganz im Gegenteil. Er sorgt besonders in der ersten Hälfte des Filmes durch seine lockere Art – wie beispielsweise als er die Geschichte mit dem Ohr erzählt – dafür, dass man als Zuschauer mit den beiden Soldaten eng verbunden wird, obwohl man nur eine Episode ihres Lebens mitbekommt. Alle anderen großen Namen wie Benedict Cumberbatch, Mark Strong oder Colin Firth (den ich tatsächlich nicht erkannt und mich im Abspann gewundert habe, wo er denn mitgespielt hat) sind nur in Nebenrollen zu sehen und machen ihre Sache gut, ohne das Scheinwerferlicht an sich zu reißen.

Kann der Angriff noch gestoppt werden?

Sam Mendes hat bei “1917” nicht nur Regie geführt, sondern das Drehbuch auch nach Erzählungen seines Großvaters geschrieben und liefert hier eine Geschichte, die durchaus auf eigene Weise originell ist. In erster Linie ist der Film aber einfach nur beeindruckend. Die tristen Bilder, der angerichtete Schaden, die etlichen Leichen, die einfach im Feld herumliegen, die stetige Unruhe, obwohl weit und breit Niemand zu sehen ist, das verwüstete Schlachtfeld und für mich die absolut beeindruckendste Szene, als ein Gebäude brennt und dazu Leuchtraketen durch die Luft fliegen. Selten etwas gesehen, was gleichzeitig so schrecklich und ästhetisch zugleich wirkte.

Letztlich schafft “1917” am Ende etwas, was bisher kein einziger Kriegsfilm bei mir geschafft hat: Er hat mich menschlich berührt. Ich habe über den 1. Weltkrieg nicht soviel Kenntnisse, wie über den 2. Weltkrieg und habe mich dennoch hineinversetzt gefühlt, habe mitgelitten, stand stetig unter Spannung, wurde emotional – und wenn ein Film das schafft, der mich nur ein paar Stunden mit auf eine Reise nimmt, dann hat er so ziemlich alles richtig gemacht. Auch wenn “1917” mit Sicherheit nicht mein Lieblingsfilm werden wird und auch wenn er in der zweiten Hälfte durchaus einige Längen, beziehungsweise generell ein paar Probleme mit dem Pacing hat (Schnell, sehr langsam, schnell schnell, sehr langsam), könnte ich absolut verstehen, wenn er den Oscar als “Bester Film” mitnimmt.

Wertung: 9/10 Punkte

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