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Review: The Farewell

Tradition oder Moral? Die Rapperin und Schauspielerin Awkwafina steht zwischen den Stühlen, als ihre geliebte Großmutter mit Krebs im Endstadium diagnosziert wird, es ihr allerdings nicht sagen will. Also fliegt sie eigenhändig nach China, um sich selbst zu verabschieden.

The Farewell

Trailer
Regie: Lulu Wang
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 98 Minuten

Billi (Awkwafina, “Ocean’s 8”, “Crazy Rich Asians”) ist nie wirklich angekommen, seitdem sie seit über 20 Jahren mit ihren Eltern Lu Jian (Diana Lin) und Haiyan Wang (Tzi Ma, der Konsul aus “Rush Hour”) aus Changchun nach New York City gezogen ist. Ihr gewünschtes Stipendium hat sie nicht bekommen, beruflich kann sie einfach keinen Fuß fassen, das Geld wird immer knapper und auch die Beziehung zu ihren Eltern leitet darunter. Als dann aus der alten Heimat die Nachricht kommt, dass ihr geliebte Großmutter Nai Nai (Zhao Shuzhen) unheilbar an Krebs erkrankt ist, bricht für sie eine Welt zusammen.

Doch in China läuft alles ein bisschen anders, als Billi es aus New York gewohnt ist. Hier erzählt man der Familie nichts von der Diagnose. “Wer Krebs hat, stirbt” – nicht an der Krankheit, sondern an der Angst davor, ist eine alte Redensart. Also organisiert die Familie kurzerhand eine Hochzeit, damit die ganze Familie noch ein letztes Mal zusammenkommt. Schließlich waren Billis Vater und sein Bruder Haibin, der vor vielen Jahren nach Japan gezogen ist, schon seit fast 20 Jahren nicht mehr zeitgleich in der Heimat. Während sich die Großmutter also auf das rauschende Fest freut, versucht der Rest der Familie die Angst und Traurigkeit zu unterdrücken.

Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat.

“The Farewell” ist natürlich ein hochgradig melancholischer Film, bei dem der nahende Tod der wirklich zuckersüßen und durchweg positiven Nai Nai wie ein Damoklesschwert über jeder Szene schwebt. Nai Nai hingegen, die selbst das Gefühl hat, einfach nur an einer hartnäckigen Erkältung zu leiden, die das trockende Husten verursacht, liebt es, ihre Familie um sich herum zu haben. Es gibt leckeres Essen, es gibt ständig etwas zu feiern und bei der Hochzeit sind wirklich die entferntesten Verwandten vor Ort, um die Hochzeit von Haiyans Sohn Hao Hao (Chen Han) und seiner japanischen Freundin Aiko (Aio Mizuhara) zu feiern.

Der Film spielt sehr gelungen mit den kulturellen Unterschieden und vor allem aber mit der Tatsache, wie fremd Familie sich eigentlich werden kann. Da sie zwanzig Jahre in New York gelebt hat, ist das Chinesisch von Billi selbstverständlich eingerostet und sie muss ihre Familie immer wieder fragen, was bestimmte Worte heißen. Gleiches gilt auch für den in Japan aufgewachsenen Hao Hao, sowie natürlich seine Braut Aiko, die kein Wort chinesisch spricht. Etwas, was ich tatsächlich nachempfinden kann mit meinen französischen Wurzeln, der die Sprache aber nie vollständig gelernt hat und bei Familienfeiern etwas aufgeschmissen ist.

Nichts als positive Energie.

“The Farewell” ist auf vielen Ebenen unfassbar interessant. Ob es die Frage der Moral ist, ob man einem Menschen, den man liebt, nicht selbst die Entscheidung überlassen sollte, ob er sich von seiner Familie verabschieden will, anstatt ihn im Ungewissen zu lassen. Der innere Konflikt mit den Werten der Familie, die man liebt, ohne dass man sie wirklich immer um sich herum hat. Das Gefühl nicht angekommen zu sein, nachdem man als Kind aus seiner geliebten Umgebung gerissen wurde. Mit Anfang 30 noch keine Basis, noch kein Fundament im Leben aufgebaut zu haben, obwohl die Familie stetig Druck ausübt und Erwartungen hat.

Awkwafina spielt ihre Rolle herausragend. Immer mit einer gewissen Traurigkeit, aber auch Hilflosigkeit, so wünscht sie sich, es ihrer Großmutter einfach zu sagen, diskutiert vor der Familie – auf Englisch – mit einem chinesischen Arzt, der zufällig in England studiert hat (den die Großmutter auf liebenswerte Art direkt mit ihrer Enkelin verkuppeln will). Doch auch der spricht von der Tradition und von den Werten und so hilft sie am Ende mit, die Diagnose vor ihrer Großmutter geheimzuhalten.

Der Soundtrack von Alex Weston, der erstmals eine große Produktion vertonen durfte, ist großartig und hat viele schöne, melancholische Stücke parat. Erinnerte mich zeitweise an Alexandre Desplat, der unter anderem für die Filme von Wes Anderson verantwortlich ist. Und das ist tatsächlich nicht die einzige Gemeinsamkeit, denn zwischenzeitlich haben mich einzelne Szenen und Kameraeinstellung sehr an den genialen Regisseur erinnert, dessen Filme immer wie ein Kunstwerk wirken. Alleine das Bild oben, als Billi und ihr Vater sich unterhalten, ist so kunstvoll gestaltet, so symmetrisch, dass Wes Anderson stolz darauf wäre. Im Gegensatz zu Andersons Filmen wirkt “The Farewell” aber nie wie ein Märchen und ist auch ansonsten nicht vergleichbar – ich habe mich nur daran erinnert.

Zuhause angekommen.

Mir hat “The Farewell” unheimlich gut gefallen – und ich bin letztlich ein bisschen verwundert, dass der Film als “Best Foreign Language Film” bei den Golden Globes nominiert wurde, kann es mir eigentlich aber auch nur so erklären, dass im Film eben ein gewisser Anteil an chinesisch gesprochen wird und er deswegen da automatisch reingerutscht ist. Vom Prinzip her genau das Gegenteil von “Victoria”, der durchaus in der gleichen Kategorie bei den Oscars anno dazumal hätte nominiert werden können, was aber nicht passiert ist, weil zuviel Englisch gesprochen wird.

Regisseurin Lulu Wang lebt schließlich seit 30 Jahren in den USA, Awkwafina ist selbst in New York City geboren und auf eine Nischenkategorie reduziert zu werden, wird dem Film einfach nicht gerecht. “The Farewell” ist ein wundervoll melancholischer Film, der hervorragend inszeniert wurde, toll aussieht, mit guten Schauspielern bestückt wurde. Awkwafina ist wirklich die Paradebesetzung, da sie selbst die Tochter einer Südkoreanerin ist (die früh verstorben ist), ihr Vater Chinesisch-Amerikaner ist und sie selbst sehr, sehr eng verbunden mit ihrer Großmutter war.

“The Farewell” hat mich wirklich außergewöhnlich gut unterhalten, war nie langweilig – aber letztlich muss man sich eben auch auf eine gehörige Packung Melancholie einlassen, die man einfach nicht aufhalten kann. Und das eine oder andere Tränchen kann durchaus verdrückt werden.

Wertung: 8/10 Punkte

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