Reviews, viddymovies

Review: Motherless Brooklyn

Edward Norton ist einer der besten Schauspieler, die es gibt. Und wahrscheinlich stand er sich oft genug selbst im Weg, denn mit Filmen wie “Fight Club” oder “American History X” lag ihm ganz Hollywood zu Füßen, aber die Rolle des Hulk musste er dennoch an Mark Ruffalo weitergeben und auch sonst gilt er eher als enfant terrible der Glitzer- und Glamour-Schmiede in Kalifornien. Zum ersten Mal seit fast 20 Jahren setzte er sich wieder auf den Regiestuhl um sein Herzensprojekt zu verwirklichen und brachte allerhand Stars mit in die dunklen 50er.

Motherless Brooklyn

Trailer
Regie: Edward Norton
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 144 Minuten

Brooklyn in den 50ern: Lionel Essrog (Edward Norton) arbeitet in einer Detektei unter Frank Minna (Bruce Willis), der sich scheinbar mit den falschen Leuten angelegt hat. Ein Treffen geht allerdings gewaltig schief und Frank wird mit seiner eigenen Pistole am helllichten Tag erschossen. Lionel – der an einer heftigen Form des Tourette-Syndroms leidet und sich selten voll unter Kontrolle hat – will mit seinen Kollegen Tony (Bobby Cannavale, “Jumanji”, “Ant-Man”), Danny (Dallas Roberts, “Todeszug nach Yuma”) und Gilbert (Ethan Suplee, “Butterfly Effect”, “American History X”) den Mord am Boss aufklären.

Frank Minna. Privatdetektiv.

Doch bei der Recherche verstrickt sich Lionel in gefährliche Machtspiele zwischen dem gerissenen Stadtrat Moses Randolph (Alec Baldwin), Gabby Horowitz (Cherry Jones, “Signs – Zeichen”), die gemeinsam mit Laura Rose (Gugu Mbatha-Raw) gegen die geplante Gentrifizierung vorgehen will und dem mysteriösen Plappermaul Paul (Willem Defoe), der nur darauf wartet um Geheimnisse aus dem Nähkästchen auszuplaudern.

“Motherless Brooklyn” ist ein Noir-Krimi, der zu jedem Augenblick authentisch wirkt. Angelehnt an den Roman von Jonathan Lethem hat Edward Norton, der nicht nur Regie geführt und die Hauptrolle gespielt, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat, die komplette Geschichte in die 1950er Jahre verfrachtet. Brooklyn ist ein dreckiger Stadtteil, in der Nacht zieht rauchiger Nebel auf, es wird mit Licht und Schatten gespielt und ich kann den Soundtrack gar nicht genug loben. Einerseits ist da der Hauptsong “Daily Battles”, den Edward Norton bei Radiohead-Frontmann Thom Yorke angefragt hat. Yorke setzte sich mit Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea zusammen und schickte Norton zwei Wochen später diesen Song. Den ließ Norton anschließend noch vom Jazz-Musiker Wynton Marsalis zu einer 50er-Jahre Ballade umbauen, die ebenfalls voll ins Schwarze trifft. Und dann ist da noch der Score von Daniel Pemberton, der zuvor nicht nur mehrfach mit Danny Boyle zusammenarbeitete (“Steve Jobs”, “Yesterday”), sondern auch bei “Spider-Man: A New Universe” mitgearbeitet hat und den Score für den neuen Harley Quinn-Film “Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn” schreibt. Ein absolutes Meisterwerk, welches mich so begeistert, wie kein Score seit “The Imitation Game” mehr.

Zwei Meister unter sich.

Die Geschichte von “Motherless Brooklyn” entfaltet sich sehr langsam – was letztlich auch die Schwäche des Films ist. Denn auch wenn die Substanz versucht, so komplex wie möglich zu sein, ist es keine klassische “Whodunit”-Geschichte, bei der man sich fragt, wer Frank Minna ermordet hat. Das ist relativ schnell klar. Und nicht jede Wendung ist vorhersehbar, so bin ich besonders von einem Twist durchaus überrascht worden, allerdings ist besonders das letzte Drittel unheimlich zäh erzählt und schafft es nur selten, noch einmal wirklich die Spannungskurve zu bekommen.

Darüber hinaus sind die schauspielerischen Leistungen sehr gut bis großartig. Leslie Mann (“Jungfrau (40), männlich, sucht…”, “Beim ersten Mal”) habe ich erstmals außerhalb des Judd Apatow-Kosmos gesehen und sie hat mir in ihrer Rolle gut gefallen. Ethan Suplee habe ich nach “Butterfly Effect” komplett aus den Augen verloren, doch seine Wandlung von “Thumper” bis zum Detektiv ist absolut gelungen, ich muss wirklich schauen, was er sonst noch gemacht hat in den letzten 15 Jahren. Alec Baldwin ist Alec Baldwin (und ich glaube, ich habe ihn noch nie in einer anderen Rolle gesehen, als als Alec Baldwin), Michael K. Williams spielt den bedrohlichen, zwielichten Trompetenspieler sehr gut, Bruce Willis ist nicht lange zu sehen, aber spielt ebenfalls ordentlich und Edward Norton ist über alle Zweifel erhaben. Wenn allerdings Willem Dafoe auf die Leinwand kommt, wird wieder einmal klar, was für ein grandioser, unnachahmlicher Schauspieler der Mann eigentlich ist. Das Leuchten in den Augen, die kleinen Bewegungen in der Mimik und Gestik. Wenn Willem Dafoe zu sehen ist, spielt er keine Rolle – er ist diese Person, die er darstellt, in jedem Augenblick, in jeder Nuance. Unfassbar. Ebenfalls sehr zu loben ist Gugu Mbatha-Raw, die ich zuvor nur als Nebenrolle in “Doctor Who” und als Hauptdarstellerin in der Black Mirror-Episode “San Junipero” kannte. Auch sie hat ihre Rolle enorm gut gespielt und hatte stets ein melancholisches Leuchten in den Augen.

Von San Junipero nach Brooklyn.

Edward Norton kaufte sich die Rechte am Buch vor knapp 20 Jahren und transportierte den Film eigenhändig in die 50er Jahre, was ein sehr gut gewähltes Stilmittel ist. Die Detailverliebtheit ist beeindruckend, die schauspielerischen Leistungen hervorhebenswert – am Ende allerdings muss man schon einiges an Sitzfleisch beweisen, um diesen Krimi zwischen Politik und Geschichte zu sehen. Übrigens habe ich so oft beim Schauen an L.A. Noire denken müssen, von Szenenbildern über musikalische Cues, das war schon witzig. Tatsächlich habe ich das Meisterwerk bereits zweimal durchgespielt. Vielleicht ist ja noch ein drittes Mal drin?

Persönlich hätte mir mehr Drama, mehr Anspannung, mehr Thriller noch eine Spur besser gefallen, als minutenlang dabei zuzusehen, wie Edward Norton mehrmals durchkaut, was für ein Einzelgänger er doch ist und dass er seinen Tick jeder Person mehrfach erklären muss. So ist “Motherless Brooklyn” ein Film, der mich durchaus unterhalten hat – die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn mir allerdings ein zweites Mal ansehen werde, tendiert gegen Null.

Wertung: 7/10 Punkte

Previous Post Next Post

You Might Also Like