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Kritik: Joker

Bei keinem anderen Film in diesem Jahr hatte ich im Vorfeld so hohe Erwartungen und so große Angst, in irgendeiner Weise enttäuscht zu werden, wie bei Joker. Schließlich standen die Vorzeichen nicht gerade günstig, für den Clown aus den DC Comics.

Joker

Trailer
Regie: Todd Phillips
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 122 Minuten

Unbestreitbar ist Joaquin Phoenix ein grandioser Schauspieler, dass dies allerdings kein Kriterium dafür ist, einen guten Joker zu spielen, bewies Jared Leto, als er offiziell in dieser Rolle durch “Suicide Squad” hüpfte – was er letztlich im Film machte, weiß ich bis heute nicht. Und auch nicht jeder Film von Joaquin Phoenix ist ein Must-Watch, wenn man ehrlich ist. Regisseur Todd Phillips ist normalerweise im Comedy-Genre unterwegs, hat mich mit Filmen wie “Old School”, “Starsky & Hutch” und “Hangover” zum Lachen gebracht. “Hangover 2” und “Hangover 3” vergesse ich hingegen gerne. Besonders bei “Hangover 3” und “War Dogs” versuchte Phillips schließlich auch, ein bisschen Action und Thriller mit reinzubringen, was nicht so erfolgreich war. Und auch die Film-Kritiker ließen kein gutes Haar am Streifen nach den ersten Screenings. Der Metascore auf Metacritic ist auf der Seite der Journalisten bis heute unterirdisch.

Put on a happy face

Doch der Trailer war unfassbar gut, Joker ist mit einer der interessantesten Charaktere, die es in der Unterhaltunsbrance gibt und ich bin ein großer Fan der verschiedenen Darstellungen und Interpretationen. Von “The Killing Joke” über Heath Ledger bis zu den Videospielen der Arkham-Trilogie. Also war das Hype-Level dementsprechend riesig – der Film konnte mich doch nur enttäuschen, oder?

Alles beginnt mit Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), der von einer großen Stand-Up-Comedy-Karriere träumt und sich als Leih-Clown durchschlägt, etwa um Geschäfte zu bewerben oder kranken Kindern ein Lachen aufs Gesicht zu zaubern. Denn genau das ist seine Bestimmung: Freude und Lachen in die Welt zu bringen. Wäre da nicht die verdorbene Stadt Gotham City, die am Rande des Abgrunds steht, voller Korruption, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Arthur ist mittendrin und versucht trotz psychischer Probleme in dieser Welt klarzukommen.

For my whole life, I didn’t know if I even really existed.

Neben seinen Träumen kümmert sich Arthur um seine kranke Mutter Penny (Frances Conroy, “How I Met Your Mother”) und himmelt gemeinsam mit ihr den Late Night-Host Murray Franklin (Robert De Niro) an, doch er rutscht immer mehr in die Abwärtsspirale, als er seinen Job verliert, die Stadt das Sozialhilfe-Programm wegkürzt, von welchem Arthur seine dringenden Medikamente erhält und auch seine Comedy-Karriere einen gehörigen Dämpfer erhält. Zudem beginnt er, seine eigene Existenz zu hinterfragen. Es gibt genug Gründe, warum sich Arthur Fleck an der Stadt rächen sollte, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist.

Es kommt nicht oft vor, dass ich beim Schauen eines Filmes mit offenem Mund im Sessel hocke und absolut fasziniert bin von allem, was da auf der Leinwand passiert. Okay, die erste Szene von “Ad Astra” war grandios, bei “Bohemian Rhapsody” war ich einfach nur glücklich, diesen Film tatsächlich auf einer Kino-Leinwand zu sehen, aber Joker hat mich schon von der ersten Szene an komplett in den Bann gezogen. Wie Arthur Fleck sich das Make-Up aufträgt und zum Clown mutiert, sich selbst zum Lachen zwingen muss und so emotional und traurig ist, dann aber lachend seinen Job macht und selbst hier ins Elend gerät, bis zum ersten Mal der grandiose Score von Hildur Guðnadóttir einsetzt und in großen, gelben Buchstaben der Titel des Filmes erscheint – unfassbar. Regisseur Todd Phillips erklärt diese Eröffnungsszene selbst sehr detailliert und spannend im Video bei Vanity Fair, welches man sich definitiv anschauen sollte.

Is it just me, or is it getting crazier out there?

Ich glaube ich habe noch nie eine so gute schauspielerische Leistung gesehen, wie die von Joaquin Phoenix in “Joker”. Er schafft es bei den Zuschauern auf der einen Seite Sympathie zu erwecken, weil sein Grundgedanke und sein ganzes Wesen eigentlich harmlos, liebens- und beschützenswert ist. Ein viel zu dürrer Mann, der sich um seine Mutter kümmert und eigentlich nur andere Menschen zum Lachen bringen will. In Nuancen – und über den Wegfall der Medikamente immer deutlicher – enthüllt sich dann nach und nach was sich für ein geisteskrankes Wesen in ihm verbirgt und nachdem Fleck das erste Mal Blut geleckt hat, findet er nicht nur seinen Gefallen daran, sondern auch seine sadistische Bestimmung.

Der Film regt zu Diskussionen an, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Angefangen natürlich darüber, ob dies nun “der” Joker ist oder sozusagen ein Original Joker, ein Prime Joker, der dann letztlich Batmans/Bruce Waynes späteren Erzfeind als Beispiel dient. Oder wieviel von der Geschichte die passiert, letztlich stimmt, denn dass Arthur Fleck unter Wahnvorstellungen leidet, wird sehr deutlich, als seine “Beziehung” mit seiner Nachbarin (Zazie Beetz, “Deadpool 2”) wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Und auch die Frage, ob Arthur tatsächlich adoptiert wurde oder der leibliche Sohn seiner unter ebensolchen Wahnvorstellungen leidenden Mutter ist, bleibt vollkommen offen. Alles eine Frage der eigenen Interpretation und ich hoffe so sehr, dass es keinen zweiten Teil geben wird und keine dieser Fragen je beantwortet wird, damit bis zum Ende aller Tage weiter spekuliert werden kann.

There is no punchline.

“Joker” ist kein Action-Comicfilm, sondern ein Psychothriller der klassischen Art. Er ist mehr wie “Falling Down” mit Michael Douglas oder “Taxi Driver” mit Robert De Niro, als wie sonst irgendein Film aus dem Marvel- oder DC-Universum. Und er wird auch ungesehen hochgradig diskutiert, so habe ich mit meiner Familie darüber geredet und eine klare Empfehlung ausgesprochen. Der Konsenz war, dass man den Film lieber nicht schaut, da er brutal ist. Mein Gegenargument ist, dass Joker im Film gar nicht viel tötet – aber jeder Tod hat eine Bedeutung, weil man seine Opfer kennt, weil man zu ihnen einen komplett anderen Bezug hat, als wenn John Wick im dritten Teil mal eben 85 gesichtslose Schergen wegballert, zu Tode messert und meuchelt. Eine Szene kann man in Joker wirklich als “Brutal” einstufen, aber das erreicht keine Gore-Level wie Hostel oder SAW und ist nicht zum wegschauen.

Als Fazit bleibt, dass “Joker” womöglich der beste Film ist, denn ich jemals gesehen habe. Von der Erzählstruktur über den Soundtrack, von den Szenenbildern bis zur Machart, als wäre der Film tatsächlich in den frühen Achtzigern rausgekommen. Von der Regie bis zum unfassbaren Schauspiel von Joaquin Phoenix kann ich nur eine absolute Empfehlung aussprechen und werde den Film noch einige Male im Kino schauen, um noch weitere Easter Eggs, weitere Kleinigkeiten, die mir zuvor nicht aufgefallen sind, zu entdecken. Großen Respekt übrigens in den wichtigen Szenen Arthurs Notizblock auf Deutsch zu animieren, mitsamt gewollten Rechtschreibfehlern. Das war eine sehr interessante und gute Idee.

Wertung: 10/10 Punkte

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