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Review: Die schönste Zeit unseres Lebens

Im Moment läuft nicht so viel im Kino, oder? Zumindest nicht, wenn man keine Lust auf die Eiskönigin, das fünfte Mal “Joker” (ja, ich habe ihn viermal im Kino gesehen) oder einen Autorenn-Epos hat – der durchaus ein guter Film sein kann, mich aber einfach nicht interessiert. Also steht man vor der Wahl: Zuhause bleiben oder cinéma français…

Die schönste Zeit unseres Lebens
La belle époque

Trailer
Regie: Nicolas Bedos
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 116 Minuten

Nun, dass ich nicht unbedingt der größte Fan von französischem Kino bin, sollte ja mittlerweile bekannt geworden sein. Zuletzt habe ich mich über meine Hassliebe zum französischen Kino in meiner Review zu “High Life” ausgelassen, allerdings klang die Prämisse von “Die schönste Zeit unseres Lebens” zu schön, um den Film auszulassen, denn wer träumt nicht davon, einen bestimmten Tag oder eine bestimmte Zeit seines Lebens immer wieder erleben zu dürfen, weil es so eine tolle Erfahrung war

Was ist Netflix?

Victor (Daniel Auteuil) denkt gerne an die alte Zeit zurück, während sich seine Familie zwischen Smartphones, Streaming Services und allgemeinem Technik-Gebrabbel unterhält. Er selbst liebt Bücher, Papier und seine Stifte und ist nie wirklich in der heutigen Zeit angekommen. Dies frustriert besonders seine Frau Marianne (Fanny Ardant) immer mehr, die hinter seinem Rücken ohnehin schon eine Affäre begonnen hat und ihren Mann nach einem Streit rauswirft. Der einzige Lichtblick ist ein Geschenk von seinem Sohn Maxime (Michaël Cohen) und dessen Kindheitsfreund Antoine (Guillaume Canet), der eine Firma gegründet hat, die mit Kulissen und Schauspielern die Kunden in andere Zeitepochen zurückversetzt. Während andere Kunden die Renaissance erleben oder einen Drink mit William Faulkner nehmen wollen, möchte Victor das Jahr 1974 wieder aufleben lassen – genauer gesagt den Tag, an dem er seine große Liebe im Bistro “La Belle Époque” kennenlernte: Marianne.

Das Szenario, welches die Rahmenhandlung für “Die schönste Zeit unseres Lebens” bietet, ist natürlich heute noch Fiktion, aber gar nicht so unrealistisch – wenngleich natürlich auch sehr kostenintensiv. So wird es allerdings auch im Film dargestellt, denn jeder weitere Tag kostet Victor eine fünfstellige Summe, die er aufbringen muss. Und dann nimmt er die Zuschauer mit in eine Zeitreise, die nie unrealistisch wirkt, weil auch Victor nie als Dummkopf dargestellt wird, schließlich glaubt er nicht plötzlich, dass er tatsächlich durch die Zeit gereist ist. Er ist sich in jedem Augenblick bewusst, von Schauspielern umgeben zu sein, überall sind Scheinwerfer und Kameras und selbst Regentropfen sind nur einen Knopfdruck entfernt.

Es wird warm ums exzentrische Herz.

Dennoch entdeckt er Gefühle in sich, die er seit Jahren nicht mehr spürte – ausgelöst durch die Unbeschwertheit von Margot (Doria Tillier), die mitsamt Perrücke in die Rolle seiner Frau im Jahr 1974 schlüpft und selbst mit ihren eigenen Emotionen und Gefühlen zu Antoine zu kämpfen hat. Währenddessen scheint Marianne ihren Mann mehr zu vermissen, als sie selbst dachte und so dreht und windet sich die Handlung, wie ein romantisches, gleichzeitig aber auch melancholisches Chanson.

“Die schönste Zeit unseres Lebens” ist ein Film voller Charme, toller Musik, fantastischen Farben, sehr gut aufgelegten Schauspielern und viel nackter Haut. Quelle surprise! Ich war sehr beeindruckt von der Detailverliebtheit, von den Kulissen, von der Zeitreise, die eigentlich keine ist und sich dennoch so anfühlt. Und wenn nicht, dann gibt Victor schon einen direkten Hinweis, dass sich die Geschichte doch ein wenig anders abgespielt hat. Besonders der Spagat, den Film eben nicht wirklich ins Jahr 1974 zurück zu versetzen, aber es sich dennoch so leichtfüßig anfühlen zu lassen, ist sehr gelungen.

Die Zeit dreht sich zu schnell.

Immer wieder wird Victor, aber auch der Zuschauer aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart oder vielmehr aus der Traumwelt in die Realität zurückgeholt, denn während Victor sich neu ins Jahr 1974 verliebt, läuft die Zeit weiter. Sein Sohn bietet ihm einen Job an, seine Frau muss gemeinsamen Freunden sagen, dass die Ehe am Ende ist und auch das Liebesspiel zwischen Antoine und Margot verlangt nach einer Fortsetzung. Am Ende bleibt jedoch nur die Frage, wer sich eigentlich nicht an die Realität gewöhnen will und wer eigentlich seine Reifeprüfung ablegen muss.

“Die schönste Zeit unseres Lebens” ist kein kommender Klassiker, kein Film, den Generationen später Szene für Szene auseinander nehmen werden. Vielmehr ist er ein gutes Lied, ein leckerer Wein. Eine tolle Momentaufnahme, eine schöne Erinnerung, eine Emotion, die man tief in sich hält und die leicht aufkommt, wenn man die Gedanken ein wenig schweifen lässt.

Wertung: 7/10 Punkte

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