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Kritik: Das perfekte Geheimnis

Auf jeden guten, deutschen Film kommt eine Handvoll beschissener Streifen – eine alte Weisheit, die schon seit Jahrzehnten Bestand hat. Und nach den beiden Zelluloid-Katastrophen “Petting statt Pershing” und “Der letzte Bulle” ist es doch mal wieder Zeit für einen guten Film, oder? Vor allem wenn in dem Film mir sehr sympathische Schauspieler wie Wotan Wilke Möhring und Frederick Lau dabei sind. Bitte?

Das perfekte Geheimnis

Trailer
Regie: Bora Dagtekin
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 111 Minuten

Zeit für eine Reunion – das dachten sich wohl Leo (Elyas M’Barek), Pepe (Florian David Fitz), Rocco (Woran Wilde Mähring) und Simon (Frederick Lau), die bereits seit Kindertagen unzertrennlich sind und regelmäßig miteinander abhängen. Inzwischen teilweise verheiratet, mit Kindern und Smartphones gesegnet, aber dafür mit wenig Vertrauen untereinander und genau das ist die Prämisse des Filmes, als man sich in trauter Runde bei Hobbykoch Rocco und seiner Frau Eva (Jessica Schwarz) trifft. Die Psychologin stellt nämlich noch vor dem ersten Gang, aber nach der ersten Flasche Wein die Spielregeln für den Abend auf: Alle Handys kommen auf den Tisch und jede Nachricht muss vorgelesen werden, jeder Anruf entgegen genommen – ohne Ausnahme. Wie passend, dass nicht nur Eva vor ihrem Mann eigentlich Geheimnisse hat, auch zwischen Leo und seiner Frau Carlotta (Karoline Herfurth) kriselt es eher, als das es knitstert, während sich Simon und seine Angebetete Bianca (Jella Haase) anhimmeln, wie am ersten Tag. Da fällt es auch kaum auf, dass Pepe ohne Freundin auftaucht, aber von der frischen Beziehung schwärmt – zumindest, bis die ersten Nachrichten auf dem Silbertablett präsentiert werden.

Wie aufgesetzt können sieben Menschen eigentlich lachen?

Nach “Türkisch für Anfänger” und der “Fack Ju Göhte”-Trilogie klemmt sich Bora Dagtekin also wieder auf den Regiestuhl und hat natürlich Busenfreund Elyas M’Barek im Gepäck, den ich ehrlich gesagt gar nicht so schlimm finde. Der Mann hat durchaus einen jugendlichen Charme, was auch für Frederick Lau oder Jella Haase spricht. Allerdings ist es schon ein bisschen merkwürdig, dass das männliche Quartett sich aus der Schule kennen soll und Wotan Wilke Möhring eher wirkt, als wäre er der Aufpasser im Schullandheim gewesen und die Alters-Konstellation an vielen, vielen Stellen unpassend ist.

Großes Lob gibt es im Übrigen für Jella Haase (ebenfalls aus “Fack Ju Göhte” bekannt) und dem mir zuvor nahezu unbekannten Florian David Fitz, die ihre Rollen wirklich außerordentlich gut gespielt haben. Und auch keiner von den anderen Darstellern hat mich in irgendeiner Weise gestört, das war alles vollkommen in Ordnung. Auch das Szenario ist interessant, schließlich findet gut 95% des Filmes in dem übertriebenen Loft der Koch-Familie statt. Allerdings ist die Idee nicht neu, sondern wurde vom italienischen Film “Perfetti Sconosciuti” übernommen, den ich nicht gesehen habe, ich hoffe allerdings, dass das Original nicht so offensiv ist, wie es “Das perfekte Geheimnis” ist – und damit kommen wir zum tatsächlichen Inhalt, den man kritisch hinterfragen soll.

“Welches Dickpic soll ich ihr schicken?”

So stellt sich im Verlaufe des Filmes heraus, dass Carlotta während der Arbeitszeit gerne kokst und Basic Instinct nachspielt, um neue Kunden zu gewinnen. Ehe- und Hausmann Leo lässt sich im Gegenzug von einer Bekannten vom Kinderspielplatz gerne mit Boobie-Bildern unterhalten, was ihm allerding so unangenehm ist, dass er sein Handy während des Spiels mit Pepe tauscht. Pepe allerdings verschweigt seinen Freunden seit mehreren Jahren seine Homosexualität, was besonders Simon – der selbst natürlich Dreck am Stecken hat und gerne durch die Weltgeschichte vögelt – stört, der seinen ganzen Frust gegen Homosexuelle verbal an Leo auslässt. Rocco hingegen, der statt zum Kochkurs lieber zum Therapeuten geht, muss sich von seiner Frau Eva – selbst Therapeutin – anschreien lassen, die sich allerdings an die eigene Nase fassen muss, denn ihre Ohrringe hat sie selbst von Simon geschenkt bekommen. Am Ende ist es aber egal, wie homophob Simon und Leo eigentlich sind, es ist egal, ob Simon mit der Frau seines Kumpels bumst, am Ende liegen sich die vier Freunde in den Armen, als wäre nichts gewesen.

“Das perfekte Geheimnis” sendet zum Großteil also mehrere Botschaften aus: Es ist schwach, sich hinter dem Rücken seiner Frau zum Therapeuten zu schleichen um an sich zu arbeiten. Es ist okay, Witze über “Tucken” am Tisch zu reißen, während sie daneben sitzen oder zu verlangen, man hätte doch schon vor zwanzig Jahren von der Homosexalität erzählen sollen, bevor man sich ALS KUMPELS nebeneinander ins Bett legt. Wir leben im Jahr 2019 und ich glaube selbst in München – wo der Film spielt – ist es inzwischen angekommen, dass man in seinem Freundeskreis durchaus auch Leute haben kann, die auf das gleiche Geschlecht stehen. Ist das so eine große Sache?

In ihrer bisher vielleicht besten Rolle: Jella Haase

Der Film hätte durchaus ein sozialkritischer Film sein können unter der Prämisse, dass Freunde untereinander beim Treffen stets das Handy in der Hand haben und es eben in diesem Kammerspiel für einige Stunden nicht tun. Stattdessen geht es besonders, als das Spiel los geht, nur noch um sexuelle Gelüste, wer wen eben nicht befriedigt. Staubige Ansichten von Leuten, die selbst so cool, so hip wirken wollen – allerdings in Teilen des Kinosaals für solches Gelächter gesorgt haben, dass ich mich fast wundere, ob ich nicht doch schon zu fortschrittlich denke?

Freunde von seichten, deutschen Komödien werden auch in “Das perfekte Geheimnis” ihre Späßchen finden. Ich persönlich habe gute schauspielerische Leistungen und eine tolle Rahmenhandlung gesehen, die am Ende aber von der Doppelmoral der Charaktere und besonders von der üblen und am Ende dann doch auch konsequenzlosen Homophobie kompletts ins Absurde gebracht worden. Im Übrigen wurde das italienische Original schon mindestens 3.819 neu verfilmt. Alleine auf Netflix kann man sich jetzt schon “Le Jeu” anschauen. Vielleicht die günstigere und womöglich auch charmantere Alternative, auch wenn man auf das Lächeln von Elyas verzichten muss.

Wertung: 5/10

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