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Kritik: Das Kapital im 21. Jahrhundert

Dokumentationen zu rezensieren ist immer so eine Sache. Vor allem, wenn man selbst kein Experte in der Materie ist und im Prinzip einfach nur Sachen bekommt, die man entweder wie ein Schwamm aufnehmen kann, komplett negiert oder aber sich kritisch damit auseinander setzt. Nun bin ich kein Wirtschaftswissenschaftler, also tue ich mit dem Film, der auf ein Buch basiert und der mir nun nahebringen möchte, dass wir uns in einer Abwärtsspirale befinden?

Das Kapital im 21. Jahrhundert
Capital in the Twenty-First Century

Trailer
Regie: Justin Pemberton
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 103 Minuten

Zum Kontext: Vor gut fünf Jahren schrieb der französische Ökonom Thomas Piketty das gleichnamige Buch, welches ich natürlich nicht gelesen habe. Weder in seiner Heimat, noch in Deutschland wurde das Buch eingangs viel beachtet, doch in den USA ging es nicht nur im Wirtschaftsteil durch die Zeitschriften. Hierbei wurde es – wie so oft – einerseits hochgelobt (“Wendepunkt der ökonomischen Literatur”), andererseits aber auch wegen mangelhafter Zahlen oder Belege zerrissen. Ökonomie und Politik macht richtig Spaß.

Piketty kommt in der Dokumentation auch selbst zu Wort und gibt die erste Stunde der Dokumentation erst einmal Geschichtsunterricht. Er zieht Parallelen von der heutigen Zeit zum 18. Jahrhundert, zur Aristokratie, als Bildung und Kapital von einigen Wenigen beherrscht und eingenommen wurde. Über die französische Revolution und zwei Weltkriegen wird immer wieder aufgezeigt, wie sich das Bürgertum gegen die Elite widersetzt hat und was stets ein direktes Resultat aus der kapitalistischen Unterdrückung war. Zumindest habe ich es so verstanden.

Letztlich kann ich natürlich nicht hinterfragen, wie richtig die Aussagen im Film sind, die sowohl von Pekitty, als auch von anderen Wirtschaftlern, Journalisten und Kollegen getroffen worden sind – einfach, weil ich kein Experte in dem Thema bin. Aber mein Eindruck war durchaus, dass das ganze Thema relativ einseitig angegangen wurde unter der Prämisse, dass wir uns direkt wieder auf katastrophale Zeiten hinbewegen, wenn die Verteilung des Kapitals weiterhin so bleibt, wie sie derzeit ist. Und dass es vielleicht sogar eine kleine Weltwirtschaftskrise benötigt, um die Umverteilung vonstatten zu bringen, da mächtige Leute an der finanziellen Macht natürlich alles dafür tun, dies zu verhindern – wobei der letzte Börsencrash ja auch nahezu schadlos abgewendet werden konnte.

Tatsächlich aber habe ich durch den Film das Konzept der Entstehung des Rassismus entstanden, weswegen ich ein bisschen ausholen muss und von einer reinen Rezension abweiche: Ich bin ein in Deutschland geborener, weißer Mann, der einen ordentlichen Job hat, viel zu wenig auf sein Geld achtet und der von sich behaupten würde, dass es ihm sehr gut geht. Ich kann Rassismus nicht nachvollziehen, da ich nicht an göttliche Fügung oder Schicksal glaube, weswegen es einfach pures Glück oder Zufall ist, dass ich ein Deutscher bin. Ich kann es nicht nachvollziehen, wie man andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Sexualität, ihrem Glauben oder sonst etwas hassen, verfolgen, auslöschen will. Und trotz der immer wieder aufkommenden Flüchtlingswellen hatte ich noch nie das Gefühl, dass mir etwas weggenommen wird und ich lebe nach zwei Prinzipien: Erstens – was muss tun, damit ich mit nichts in der Hand aus meinem Land fliehe und meine Freunde und Familie zurücklasse? Was müsste mir zustoßen? Solchen Menschen muss man die Hand reichen. Zweitens – jeder Mensch ist gleich. Unter Ausländern gibt es genauso Arschlöcher wie unter Deutschen. Oder unter Homosexuellen. Unter Christen. Unter Muslimen. Unter Schwarzen. Unter Transsexuellen. Wenn du ein Arschloch bist und andere Menschen unterdrückst oder einschränkst, bist du ein Arschloch, egal wo du herkommst.

Nachdem wir das geklärt haben, wird in der Dokumentation aufgezeigt, wie beispielsweise auch im zweiten Weltkrieg der Rassismus immer weiter entfacht wurde: Man versprach dem Volk, welches nach dem ersten Weltkrieg gebeutelt war, alles wieder gut zu machen. Aufzubauen. Und dass es die anderen Mächte waren, die unterdrückten und dagegen müsse man sich auflehnen. Der Unterschied zu heute ist: Deutschland wird nicht von anderen Mächten bedroht, aber wenn ich ein Mensch in einem ärmeren Bundesland bin und sehe, dass eine Welle von neuen Menschen kommt, die eigentlich nichts haben sollten und vom Staat freundlich begrüßt werden, Geld bekommen, bei der Wohnungssuche unterstützt werden, während ich oder meine Freunde oder meine Familie Arbeitslos sind, jede Woche zum Amt rennen müssen um Geld zu bekommen oder an der Tafel sich Essen schnorren müssen – dann verstehe ich, dass es einfacher ist, seinen Hass auf den fremden Nachbarn zu projizieren und zu glauben, dass eine “alternative” Dreckspartei den Umschwung sorgen kann, weil unsere Politik heutzutage komplett versagt. Also verstehe ich, warum Menschen ihren Hass auf andere Personengruppen leiten – ich kann das Konzept nachvollziehen. Nichtsdestotrotz ist es komplett falsch und muss im Keim erstickt werden.

Stattdessen muss wirklich ein Umdenken stattfinden, ein Miteinander. Wir sollten nicht zusehen, wie Reiche immer reicher werden und Konzerne Steuergelder auf irgendwelche Insel-Staaten schaffen können, wie dafür die Infrastruktur immer weiter kaputt geht und ärmere Menschen immer ärmer werden. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob es um Deutsche oder Ausländer geht. Wir sind alle eins. Wir sind alles Menschen.

Ein kleiner Exkurs in meine Gedanken, die ich noch weiter ausführen könnte, was sich aber für private Diskussionen vielleicht noch besser eignet. Handwerklich empfand ich die Dokumentation durchaus gut gemacht und ich hege auch Interesse am Thema, hätte es aber schöner gefunden, wenn man sich zum Großteil wirklich auf das 21. Jahrhundert konzentriert hätte, anstatt eine Stunde Geschichtsunterricht vorweg zu bringen. Schlussendlich bleiben mir zwei Anmerkungen übrig: Die Dokumentation hat gute Ansätze, ist aber teilweise sehr langweilig – besonders für einen Laien wie mich. Und: No Space for Racism.

Wertung: 6/10 Punkte

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