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Review: Spider-Man: Far From Home

Spider-Man: Far From Home

Trailer
Regie: Jon Watts
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 129 Minuten

Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft geht auf Reisen und bringt ihren ganzen Weltschmerz mit. Kein Wunder, denn es ist kein Jahr vergangen, seitdem Tony Stark, die Vaterfigur von Peter Parker, im Kampf gegen Thanos das Zeitliche gesegnet hat.

Der 23. Film des Marvel Cinematic Universe knüpft acht Monate später an, wo “Avengers: Endgame” aufhörte. Und im Gegensatz zu den fünf Jahren, die zwischen “Infinity War” und dem zweiten Kampf gegen den Titan vergangen waren und welcher die Welt recht post-apokalyptisch wirkte, ist die Landschaft in “Far From Home” so bunt, als wäre nie etwas geschehen. Sehr komisch.

Kein Platz für Avengers

Tatsächlich beginnt der Film mit einer kleinen Montage über die gefallenen Helden, die nach dem Fingerschnippen entweder dennoch starben oder nicht wiederbelebt werden konnten. Auf Wiedersehen Vision, Iron Man, Captain America, Black Widow und wer sonst noch verstorben ist. Ein paar von euch sehen wir sowieso wieder. Ein episches Intro mit tollem Score wurde durch einen Lacher mit Whitney Houston ausgetauscht. Kann man mal machen. Und dann wird aus dem “Snap” der “Blip” und es wird mit einem Nebensatz erklärt, was mit Peters Schulfreunden passiert ist, die vom schicksalhaften Ereignis in “Infinity War” verschont geblieben waren. Die sind tatsächlich fünf Jahre gealtert, während aus Bequemlichkeit sämtliche wichtige Figuren in Peter Parkers (Tom Holland) Klasse temporär ausgelöscht worden sind. Man kann es sich auch sehr einfach machen.

EuroTrip 2.0

Kontinutät aus dem Weg geräumt, es geht nach Europa. Mit dabei sind natürlich MJ (Zendaya), Peters bester Freund Ned (Jacob Batalon), Betty (Angourie Rice), Flash (Tony Revolori), sowie Brad (Remy Hii), der tatsächlich die letzten fünf Jahre (in einem Fitnessstudio) lebte und damit Peters neuer wirklicher Rivale wird. Besonders, wenn es um MJ geht. Deren Romanze baut sich langsam auf, während eine neue Bedrohung auf der ganzen Welt heranwächst, denn die Elementals sind da. Gut, einer von Ihnen (Erde) wird direkt zu Beginn des Filmes ausgelöscht, den Zweiten (Wind) bekommen wir nie zu sehen, aber glücklicherweise ist ein mysteriöser Superheld da, der den Elemental auslöscht. Willkommen Quentin Beck (Jake Gyllenhaal). Auf Peters Trip durch Venedig taucht ein weiterer Elemental auf und hier machen Beck und Parker zum ersten Mal miteinander Bekanntschaft und auch Nick Fury (Samuel L. Jackson) und Maria Hill (Cobie Smulders) mischen ein wenig im Hintergrund mit.

Beck, der von Peters Klassenkameraden “Mysterio” genannt wird und der Rest der “Good Guys” schmieden einen Plan, um die Elementals aufzuhalten, wobei Beck erwähnt aus einem anderen Universum zu stammen. Wir haben tatsächlich ein Multiversum! Blöd nur, dass die Pläne ein wenig mit Spider-Mans Idee im Konflikt stehen, MJ näher zu kommen. Und so muss sich der Superheld entscheiden, ob er die Welt rettet oder das Mädchen küssen darf. Oder muss er es?

Was für eine schockierende Wendung!

Mal absehen von selten dämlichen Dialogen (so “warnt” MJ Peter und Ned und rät ihnen dazu, sich einen VPN auf das Handy zu laden, um von der Regierung nicht verfolgt werden zu können… was nie wieder aufgegriffen wird und absolut keine Relevanz hat, genauso wenig wie Peters und MJs Dialog über das italienische Wort “Boh”, welches nicht einmal als Running Gag verwendet wird, sondern einfach nur ein paar Minuten mit diesem seltsamen Näherkommen füllt), habe ich schon lange nicht mehr so viel über Logik und Unlogik nachgedacht, wie in diesem Streifen. Beispielsweise will Peter Parker – dessen Spinnensinn wie in nahezu jedem Film nicht richtig funktioniert – tatsächlich Urlaub machen und lässt seinen Super-Duper-Nano-Iron-Man-Spidey-Suit zuhause, allerdings packt Tante May (Marisa Tomei) – die nebenbei eine Liaison mit Happy Hogan (ein kleines Highlight im Film: Jon Favreau) eingeht – ihm seinen uralten Lappen-Anzug dennoch ein. Cool, also kein übertrieben starker Spider-Man in Europa! Tatsächlich lässt Parker sogar diesen Anzug im Hotel, als der Wasser-Elemental in Venedig angreift. Bewusst! Um sich zu erholen und weil er nicht Superheld spielen will. Interessanterweise hat er aber seine Netz-Dinger für die Handgelenke dennoch in den Rucksack geworfen, weil… Gründe?

Es stellt sich – Spoileralarm, für alle die absolut KEINE Ahnung über Spider-Man haben – heraus, dass Quentin Beck natürlich nicht der ist, für den man ihn hält. Er ist der Böse, der mit Illusionen und Technik (super guter Rückblick auf Iron Man 1 (!) und Civil War) die Elementals erschafft, die eigentlich nur Drohnen sind und ein bisschen ballern und herumprojizieren können. Gut, dass beispielsweise der Wasser-Elemental offensichtlich dennoch irgendwie Wasser in ganz Venedig verstreut und damit Gebäude zerstört (sind die Drohnen wasserfest und können schwimmen?) und der Feuer-Elemental – obwohl eigentlich nur aus Drohnen bestehend, Spideys Netze abfackeln lässt. Wie kann eigentlich auch ein großer Stein, den Spider-Man auf den Elemental wirft und der offensichtlich diesem auch schadet, keinen Schaden bei den Drohnen anrichten und zumindest die Projektion irgendwie unterbrechen? Beck kämpft tatsächlich nie wirklich gegen die Elementals, das ist alles nur geschauspielert, aber wie kann die Projektion wissen, was Spider-Man macht und darauf reagieren? Wieviele Server stehen bei Mysterio im Keller? Und wieso hat Tony Stark eigentlich eine Armee an Drohnen, die mit Leichtigkeit eine Stadt zerstören können, im Weltall stationiert, die von Beck gekapert werden kann? Seit wann? Er, der mit der Regierung zusammengearbeitet hat?

Los jetzt, Night Monkey!

Der unaufmerksame Peter Parker bekommt eine wunderschöne, alles kontrollierende Sonnenbrille als Abschiedsgeschenk von Tony Stark, die ihm super wichtig sein sollte – aber er lässt sie dennoch in einer Bar auf dem Boden liegen. Dann schenkt er sie Quentin Beck (was natürlich dessen Plan war, weil er aufgrund von Gründen von der Brille wusste und dies der EINFACHSTE Plan war, Nick Fury und Peter Parker und alle zu hintergehen) und übergibt dem System auch die Kontrolle, die vollständige Kontrolle an Beck. Am Ende setzt Peter die Brille wieder auf und hat dennoch die Weisungsbefugnis, obwohl er die vorher abgegeben hat. Ist halt immer so. Peter wird auch von einem Zug, der mindestens 860 km/h draufhat, überrollt und überlebt das mit ein paar Kratzern. Wenn so etwas passiert, brauche ich mich auch nicht darüber aufzuregen, dass Szenen, die angeblich in Berlin spielen sollen, nicht in Berlin gedreht worden sind.

Ist alles schlecht an “Spider-Man: Far From Home”? Nein, natürlich nicht. Abgesehen vom wieder einmal unfassbar schwachen Score (was ist da los, Michael Giacchino?) und der Tatsache, dass Happy Hogan in einem Flugzeug rein zufällig eine “Anzug-Bau-Maschine” herumfliegt (wie faul können Drehbuchschreiber eigentlich sein?), gibt es durchaus sehr gute Szenen. Tom Holland und Zendaya haben eine merkwürdige, aber doch gute Chemie miteinander. Martin Starr als verpeilter Lehrer bringt enorm viel Witz in den Film, auch Jacob Batalon ist wieder in höchstform und Neds Liebschaft mit Betty sorgt für gute Lacher. Die Psychosequenz, in der Mysterio Spider-Man in Berlin überwältigt ist grandios und auf einem Level mit den wahnsinnigen Szenen aus Doctor Strange, die noch heute zu den innovativsten Sequenzen gehören, die ich aus dem MCU kenne. Zudem spielt Jake Gyllenhaal fast den gesamten Cast so dermaßen an die Wand, dass es fast schon schade ist, dass er hier nur als nächster Throwaway-Bösewicht gecastet wurde.

Heimliche Highlights

Tom Holland ist ein sehr, sehr, sehr guter Peter Parker/Spider-Man und an sich könnten die Geschichten um die Spinne wirklich gut sein. “Far From Home” ist das allerdings nicht, denn während “Endgame” ein absolut würdiger Abschluss für die Infinity-Saga war, muss man sich fragen, wieso dieser Film ein paar Wochen danach notwendig war.

Die Chemie zwischen Zendaya und Holland ist super, Tomei und Favreau sorgen mit ihrer Romanze auch für eine gute Stimmung und besonders Favreau, der sonst primär als Regisseur (Live-Adaptionen vom “Das Dschungelbuch” oder “Der König der Löwen) aktiv ist, hat einfach ein Gespür für Comedy. Mit dem Abspann (noch mehr Spoiler!) in welchem nicht nur tatsächlich J. K. Simmons wie schon in den alten Spider-Man-Filmen mit Tobey Maguire als J. Jonah Jameson auftaucht (über die Tragweite kann man philosophieren), sondern auch die Skulls aus Captain Marvel wieder auftauchen und die Identität von Spider-Man für die ganze Welt gelüftet wurde, hat man den definitiv die Weichen für weitere, interessante Geschichten gestellt. Aber bitte lasst an das Drehbuch andere Schreiber, die nicht so faul und bequem sind und sich alles so zurecht legen, wie es für sie gerade Sinn ergibt. Es muss nicht alles convenient sein.

Wertung: 4/10

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