Reviews, viddymovies

Review: Nur eine Frau

Nur eine Frau

Trailer
Regie: Sherry Hormann
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 97 Minuten

14 Jahre ist es her, dass das selbstbestimmte Leben von Hatun Sürücü durch drei Kopfschüsse ihres Bruders beendet wurde. Und während der Fall inzwischen vor dem türkischen Gericht zum wiederholten Mal behandelt wird, setzt Regisseurin Sherry Hormann der selbstbewussten Frau ein Denkmal.

Schon zu Beginn des Filmes erfährt man, worauf die – leider wahre – Geschichte hinausläuft. Hatun – auch Aynur genannt und fantastisch gespielt von Almila Bagriacik (“4 Blocks”, “Asphaltgorillas”, “Tatort”) – stirbt am 07. Februar 2005 durch die Hand ihres Bruders, doch sie begleitet den Film mit ihrer Stimme aus dem Off, frech aber doch klar, direkt und begleitend und mit eigener Meinung. Ein hochinteressantes Stilmittel.

Aus der Türkei nach Berlin

Ihre Eltern Rohat (Mürtüz Yolcu) und Deniya (Meral Perin) sind in den 70er Jahren aus der ostanatolischen Provinz Erzurum nach Berlin umgesiedelt um sich ein neues Leben aufzubauen. In einer kleinen Wohnung lebt Aynur mit ihren älteren Brüdern (u.a. Tarik (Aram Arami), Nuri (Rauand Taleb, ebenfalls “4 Blocks”)) und ihren jüngeren Schwestern (u.a. Shirin (Merve Aksoy)) in einer kleinen Wohnung am Kottbusser Tor. Religiöse Traditionen werden in der Familie hochgehandelt und so wird Aynur im Alter von 16 Jahren mit ihrem Cousin in Istanbul verheiratet. Er schlägt seine Frau jedoch und so flüchtet die mittlerweile schwangere Aynur wieder nach Berlin – was die Ehre ihrer Familie schändet. Die Brüder sind wütend auf ihre Schwester, hat eine Ehefrau doch ihren Mann zu Ehren und sie haben bedenken, dass ihr Neffe als unehelicher Bastard zum Gespött wird. Aynur aber will nicht wieder zurück und scheint sich immer mehr von ihrer Familie abzukapseln.

Sie bekommt ihren Sohn, den sie Can nennt (türkisch für “Seele”, “Leben”), doch das erschwert das Leben in der kleinen Wohnung nur. Doch der Vater lässt seine Tochter nicht ausziehen, sodass sich Aynur Hilfe vom Amt und zieht in ein Wohnheim für junge Mütter. Später legt sie sogar ihr Kopftuch ab und entdeckt das Berliner Nachtleben – sehr zum Unmut der Familie, besonders der Brüder.

Was ist Liebe? Was ist Familie?

Während es in Aynurs Leben immer wieder Hoffnungsschimmer gibt – wie etwa eine eigene Wohnung in Berlin-Tempelhof, die Ausbildung oder aber die erste große Liebe mit Tim, der sich rührend um ihren Sohn kümmert, kommt sie dennoch nicht von ihrer Familie los. Sie hofft so sehr, dass sich alles noch zum Guten wendet und Familienzusammenhalt über allem steht. Doch die strenggläubige Familie versucht alles, um zumindest den kleinen Sohn irgendwie integrieren zu können und die Brüder verlieren sich in ihrer gekränkten Ehre immer mehr im Fanatismus.

Nun liegt es sicher nicht an mir, eine Debatte über Religionen zu führen. Auch wenn Hatun Sürücü und ich beide in Berlin geboren sind, mein Vater wie ihre Eltern – allerdings unter anderen Voraussetzungen – in den 70er Jahren nach Berlin gekommen ist, könnten wir nicht unterschiedlicher aufgewachsen sein. Meine Eltern haben mich zum evangelischen Konfirmanden-Unterricht geschickt, ich bin inzwischen aus der Kirche ausgetreten und das ist auch vollkommen in Ordnung so. Ich kann also nicht nachvollziehen, wie das Leben in einer strenggläubigen Familie voller traditioneller Kultur ist. Ich würde es mir auch nicht anmaßen, darüber zu urteilen, bin allerdings ein so toleranter Mensch, dass ich sage, dass jeder Mensch ein selbstbestimmtes Leben führen soll und jeder Mensch tun und lassen und glauben soll, was er will, solange er das Leben anderer Menschen nicht beeinträchtigt.

Stolz und Ehre

Ich kann Begriffe wie Ehre, oder beschmutzte Familienehre einfach nicht nachvollziehen, weil es ein Konzept ist, welches ich nicht kenne. Es wäre so einfach zu sagen: “Ja, sie hätte ihre Familie einfach ehren sollen” oder “Sie war halt naiv, wäre sie abgehauen, wäre ihr nichts passiert”. Ich denke nicht, dass das Thema so einfach ist, sondern sehr viel komplexer. Und auch wenn die Sürücüs tiefreligiös wirken, so sind sie kein Sinnbild für die türkische, arabische, kurdische Kultur, sondern vielleicht eher ein schwarzes Schaf unter etlichen freundlichen, liebenden, zuvorkommenden, wundervollen Menschen, die man kennenlernen kann.

Und letztlich ist es der Familiensinn und vielleicht am Ende tatsächlich auch ihr eigenes Verständnis von Ehre, beziehungsweise vom Rest davon, der noch übrig ist, der Hatun Sürücüs eigenes Schicksal besiegelt, auch wenn der Film es klar darstellt, dass sie nur wenige Tage von ihrem eigenen “Ausweg” entfernt war. Was vielleicht der Wahrheit entspricht, allerdings wird sie im Film von ihrem ältesten Bruder (der sich schon von der Familie entfremdet hat und nach Köln gezogen ist) öfters beraten, sich zu entfernen. Einen Rat, dem sie nicht folgt. Immer wieder nicht. Und weiter irgendwie versucht Kontakt zur Familie zu halten. Und das ist komplett wertungsfrei gemeint, weil ich ihr damit keiner Schuld zugestehen will, sondern einfach nur verständlich machen möchte, dass das entfremden von Menschen, die man liebt und ehrt, offensichtlich trotz aller Widrigkeiten und trotz allem Hasses nicht so einfach ist, wenn man noch hofft und glaubt, dass alles wieder gut werden kann.

Der wichtigste Film des Jahres?

Am Ende bleibt die Tatsache, dass der Film nicht nur unheimlich wichtig ist und meines Erachtens nach in jeder Schule gezeigt werden sollte, sondern auch, dass er unfassbar ergreifend ist. Wenn man beim Start des Abspannes erst einmal durchatmet, dann weiß man, dass man gerade 1 1/2 Stunden schwere Kost hinter sich hat. Schwere Kost, die handwerklich unwahrscheinlich gut gemacht wurde. Die Einblendungen, in denen die Familie Stück für Stück vorgestellt wird, der Film, der mit realen Fotos und Videoaufnahmen der echten Hatun Sürücü versehen wurde, macht das Geschehen noch sehr viel greifbarer – und damit näher. Abgesehen von Hatun Sürücüs Namen wurden die restlichen Namen – besonders der Familie – geändert. Die Kronzeugin, hier genannt Evin (gespielt von Lara Aylin Winkler) lebt noch heute im Zeugenschutzprogramm aus Angst vor einem Racheakt.

In meinen Augen ist “Nur eine Frau” ein hervorragend gespielter und produzierter Film, der zu Diskussionen anregen sollte. Mich interessieren die Meinungen anderer Menschen zum Inhalt sehr und deswegen bin ich tatsächlich gerade dabei zu organisieren, den mal in einer größeren Gruppe zu schauen. Diskussionen sind wichtig – nicht Verurteilungen. Und auch, wenn die Familie offensichtlich sehr fanatisch ist, muss klargestellt werden, dass nicht alle Brüder ihre Schwestern unterdrücken, nicht alle Männer ihre Hand gegen ihre Frauen erheben und egal, was man glaubt oder tut oder sagt oder macht, Gewalt gegen Schwächere niemals eine Lösung darstellt.

Wertung: 9/10 Punkte

Previous Post Next Post

You Might Also Like