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Review: Der goldene Handschuh

Der goldene Handschuh

Trailer
Regie: Fatih Akin
Erscheinungsjahr: 2019
Laufzeit: 110 Minuten

In der Presse heiß diskutiert zu werden, damit kennt sich Regisseur Fatih Akin spätestens seit seinem Durchbruch mit “Gegen die Wand” aus, in welchem er die Sibel Kekilli (u.a. “Game of Thrones”) gegen ihr türkisches Elternhaus rebellieren lässt. Und trotz Erfolge, wie mit “Aus dem Nichts”, der im vergangenen Jahr den Golden Globe als bester ausländischer Film gewonnen hat, bleibt Akin seiner Heimat Hamburg stets verbunden. “Soul Kitchen” etwa ist eine Hommage an die Hansestadt und einer meiner liebsten, deutschen Filme – auch wenn er schon ein moderner Heimatfilm ist.

Und sehr Hamburg-bezogen ist auch “Der goldene Handschuh”, der sich allerdings nicht hoch-romantisch mit dem ganz besonderen Charme von St. Pauli befasst, sondern mit dem eher weniger romantischen Serienmörder Fritz Honka. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk.

Guck mal, was ich für Hosen anhabe. Das sind meine Spendierhosen.

Honka – auch genannt Fiete (gespielt vom absolut entstellten Jungdarsteller Jonas Dassler) – ist einer von vielen im Hamburger Kiez. Einer, der zwischen den anderen Gestalten in den Kneipen versackt, die unerfüllten Träume mit Korn ertränkt und nur arbeiten geht, um sich die nächste Flasche Korn leisten zu können. Nach einem Unfall entstellt, schielend und mit einem ordentlichen Sprachfehler gesegnet muss er dabei zusehen, wie selbst die abgestürzten Frauen in der Kneipe “Zum goldenen Handschuh” seine Avancen ablehnen. Doch in Honka schlummert es: Einerseits die Gier nach Kontrolle, nach sexueller Überlegenheit, andererseits aber auch der Wunsch nach einem normalen Leben.

Dies wird deutlich, als er Gerda (Margarethe Tiesel) mit zu sich nimmt. Eigentlich nur, um sie mit Alkohol gefügig zu machen und sich an ihr zu laben, doch als er erfährt, dass sie eine hübsche Tochter hat und außerdem ganz gut aufräumen kann, kommt wieder ein Inhalt in sein Leben. Zumindest bis Gerda plötzlich wieder aus seinem Leben verschwindet. Honka verliert sich immer mehr im Alkohol, in seiner Gier, in seiner Wut und lässt diese an den Frauen am Tiefpunkt aus.

Lachen und Kotzen sitzen nebeneinander in der Kehle

Was genau ist “Der goldene Handschuh”? Die Presse berichtet von Fatih Akins erstem Horrorfilm, doch in meinen Augen hat der Streifen mit Horror recht wenig zu tun. Natürlich ekelt man sich vor Honka, der von Dassler wirklich unfassbar gut dargestellt wird. Man ekelt sich vor dem Menschen, vor seinen Praktiken. Vor dem wie er sich gibt, was er den anderen Menschen antut, was allerdings oft nicht deutlich dargestellt wird, sondern der Zuschauer muss vieles seiner Fantasie überlassen – und das ist auch absolut richtig so.

Allerdings ist das Werk absolut roh und direkt, dreckig und versifft. Nicht nur Honkas Wohnung stinkt, in nahezu jeder Szene schwingt ein beißender Geruch mit, was den Film sehr unangenehm wirken lässt. Die Hamburger Schnauze in den Szenen zwischen den Morden lässt immer wieder große Lacher aufkommen, denn Nasen-Ernie und Soldaten-Norbert wirken fast schon wie Kultfiguren in dem Drama, in welchem es ausschließlich um das Schicksal des Mörders geht und man die Namen der Opfer kaum registriert.

Ein frauenverachtender Film?

Tatsächlich ist es erschreckend, wie die Morde und die Opfer fast schon zur Nebensache verkommen. Nie wird nach ihnen gesucht, dabei entkommen einige von Ihnen sogar der versuchten Vergewaltigung, doch Honka kann weiter seinen gewalttätigen Exzess ausleben. Ich habe mich vom Film – sicherlich auch durch Auftritte von Martina Eitner-Acheampong (Erika in “Stromberg”), Philipp Baltus (Scholle in “Chiko”) und Adam Bousdoukos (“Soul Kitchen”, “Highway to Hellas”) – mehr unterhalten gefühlt als das Berlinale-Publikum und wahrscheinlich auch mehr, als ich es sollte.

Letztlich muss sich jeder selbst seine Meinung über “Der goldene Handschuh” machen. Über Fritz Honka, der keine fiktive Figur ist, sondern in den 70er Jahren tatsächlich gemordet hat – sollte es keine zweiten Meinungen werden, er war ein frauenverachtender, widerlicher Dreckssack. Aber gleiches kann ich Fatih Akin nicht zusprechen, auch wenn er Honka anders dargestellt hat, als er wahrscheinlich war (so fand er Gefallen an älteren Frauen, allerdings wird eine schöne, jugendliche Blondine (Greta Sophie Schmidt) wie eine Karotte am Angelhaken verwendet).

Beeindruckend waren in meinen Augen neben diverser schauspielerischer Leistungen auch definitiv die Bühnenbilder und Kulissen. Alleine Honkas Wohnung – nachgebaut von Polizeifotos – wirkt so authentisch, als habe man in den 70er Jahren gedreht. Über den Inhalt jedoch kann und darf man streiten.

Wertung: 7/10 Punkte

edit am 06. August 2019: Tatsächlich war ich am letzten Wochenende in Hamburg und da die Unterkunft in der Nähe der Reeperbahn war, wollte ich mir selbst ein Bild von der Kneipe machen, die ja noch immer existiert.

Das Ding tatsächlich inzwischen als “Honka-Stube” zu bezeichnen, ist schon sehr makaber, da damit der Mörder weiter glorifiziert wird. Drinnen sieht es tatsächlich nahezu aus, wie im Film. Der gleiche Tresen, die gleichen Sitzgelegenheiten und auch viele Gestalten, die ihre besten Zeiten bereits hinter sich hatten. Nach zwei Apfelkorn endete der Besuch aber – ein kleiner Eindruck reicht ja.

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