Events

Eurovision Song Contest 2015: Das 1. Halbfinale

Heute ist es soweit und das erste Halbfinale des diesjährigen Eurovision Song Contests wird über die Bildschirme flimmern. Wer also an einem Dienstag Abend nichts vor hat, hat die Wahl das Spektakel mit 16 Ländern live ab 21:00 Uhr entweder auf Phoenix, einsfestival oder eins plus zu sehen.

Für die Interessierten habe ich in die 16 Beiträge mal reingehört und schaue, ob sich mein Geschmack mit den Wettbüros deckt und welchen Teilnehmern ich es zutraue, eines der zehn Tickets für das Finale zu ergattern.

01. Eduard Romanyuta – “I Want Your Love” für Moldawien
Der 22-Jährige, in der Ukraine geborene Romanyuta hat in seiner Jugend nicht nur viele Gesangswettbewerbe gewonnen, sondern versucht es seit 2011 auch immer wieder, beim ESC anzutreten. Nachdem er dreimal in Folge von 2011 bis 2013 daran gescheitert ist, für sein Heimatland anzutreten, hat er es 2015 beim ersten Versuch geschafft und den Vorentscheid mit einem puren Popsong mit RnB Beats und leichten Balkan-Einflüssen gewonnen. “I Want Your Love” ist eingängig, repetitiv und damit bestens geeignet um das erste Halbfinale einzuläuten. Könnte auch fürs Weiterkommen reichen. Nichts Besonderes, aber das gilt sowohl in positive, als auch negative Richtung.

02. Genealogy – “Face Your Shadow” für Armenien
Ein Kollektiv aus Musicalsängerinnen und -Sängern scheint Genealogy zu sein. Das Besondere am Sextett ist, dass sie allesamt armenische Vorfahren haben, allerdings ihre Familien sich nach dem armenischen Genozid 1915 über die gesamte Welt verteilt haben, so stammen die sechs Sänger/-innen von den sechs Kontinenten. Ein interessantes Hintergrundkonzept solch eine Band beim Thema “Building Bridges” zusammenzustellen, auch das Lied gefällt mir recht gut. Inga Arshakyan aus der Gruppe trat im Übrigen mit ihrer Schwester Anush bereits 2009 beim ESC an. Das Lied, wie gesagt ein pures Musical, baut sich auf, geht ins Ohr und kann funktionieren. Interessant ist es definitiv.

03. Loïc Nottet – “Rhythm Inside” für Belgien
Letztes Jahr Platz Drei bei “The Voice Belgique”, jetzt ist der Sänger aus Wallonien nun schon mit 19 Jahren beim ESC angekommen. Seine Beiträge bei The Voice waren immer recht moderne RnB-Songs, wie etwa “Diamonds” von Rihanna und an diesem Sound orientier sich “Rhythm Inside” auch. Trifft in meinen Ohren den Zeitgeist und ist ein anständiger Radiosong, wenngleich man sich auch das ständige “Rapapap” hätte sparen können. Ist absolut in Ordnung, der Song.

04. Trijntje Oosterhuis – “Walk Along” für die Niederlande
Ein wenig in den Norden zu unseren anderen Nachbarn. Die Tochter eines Theologen und einer Violinistin steht seit 1990 auf der Bühne und konnte in ihrer Heimat mehrere Erfolge verbuchen, unter anderem mehrere Platinalben, Platz 1 der niederländischen Albumcharts – zuletzt mit ihrem letzten Album “Wrecks We Adore”. Nun also der Sprung zum Eurovision Song Contest und “Walk Along” zeigt, dass Trijntje Oosterhuis ihr Handwerk versteht. Schema F, Popsong nach Maß. Folkige Gitarren, sie zeigt ihr Gesangsvolumen, der Song geht ins Ohr und lädt zum Mitsingen ein. “Whyayayay!” – allerdings plätschern die drei Minuten auch ziemlich belanglos vor sich her. Ist alles ganz okay, fachlich in Ordnung, aber vielleicht auch einfach zu lahm.

05. Pertti Kurikan Nimipäivät – “Aina mun pitää” für Finnland
Das skandinavische Land bricht an dieser Stelle das bisherige Schema an mehreren Stellen. Nicht nur, dass der Song nicht einmal zwei Minuten lang ist. Nicht nur, dass uns hier kein Popsong, sondern harter Punk Rock entgegen schallt. Die vierköpige Band besteht aus Pertti Kurikka, Kari Aalto, Sami Helle und Toni Välitalo, die allesamt eine geistige Behinderung haben und die ihren Bekanntheitsgrad durch die Dokumentation “The Punk Syndrome” hat. “Aina mun pitää” (I Always Have To) ist ein eingängiger Rocksong, der jetzt nicht besonders nach vorne geht, aber auf einer Bühne zwischen den ganzen Showacts sehr befremdlich wirken wird. Ich finds okay. Absolut nicht herausragend, musikalisch nicht besonders stark und ausgefeilt, der Song wird seine kurze Aufmerksamkeit bekommen und danach wieder vergessen werden.

06. Maria Elena Kyriakou – “One Last Breath” für Griechenland
Endlich eine dramatische Ballade, die die Gewinnerin der ersten Staffel von “The Voice of Greece” da präsentiert. Nachdem sie sich mit Kelly Clarkson, Mariah Carey, Leona Lewis und Whitney Houston durch den Gesangswettbewerb gesungen hat, steht für die auf Zypern geborene Maria Elena nun die nächste Herausforderung auf dem Plan. Joa, der vielleicht typischste ESC-Song bis hierhin. Gesanglich toll, aber halt eine stereotypische Ballade. Gehört und vergessen.

07. Elina Born & Stig Rästa – “Goodbye to Yesterday” für Estland
Während Elina den zweiten Platz in der 5. Staffel von “Eesti otsib superstaari” (ihr werdet wohl wissen, welche Sendung das ist…) geholt hat, spielte Stig in den letzten zehn Jahren in vielen verschiedenen Bands. Nun haben sie sich zusammen gefunden und das neue “Summer Wine” geschrieben. Ehrlich, ich kann nicht die einzige Person sein, die sofort an diesen Song denkt. Lee Hazlewood und Nancy Sinatra? Oder meinetwegen auch Ville Valo und Natalia Avelon. Den Vorentscheid haben die Beiden – Stig produzierte vorher schon für Elina, doch dies ist ihr erstes Duett – mit überwältigender Mehrheit von 79% gewonnen und bei den Buchmachern gelten sie auch als einer der Favoriten. Zurecht. Mir gefällt der Song sehr, sehr gut!

08. Daniel Kajmakoski – “Autumn Leaves” für die frühere jugoslawische Republik Mazedonien
Wieder ein Gewinner einer Castingshow, denn Kajmakoski konnte die erste Staffel “X Factor Adria” für sich entscheiden. In keiner Welt hätte ich seinen Song “Autumn Leaves” einem Staat aus dem Balkan zugeordnet, irgendwo zwischen den seichten Sachen von Imagine Dragons und OneRepublic. Kajmakoski singt toll, der Sound ist klasse und für mich ist das bisher das absolute Highlight des Halbfinales. Richtig starke Nummer.

09. Bojana Stamenov – “Beauty Never Lies” für Serbien
Außer, dass Bojana Stamenov mal an irgendeinem zweitklassigen Gesangswettbewerb teilgenommen hat, konnte ich wenig über die stimmgewaltige Frau herausfinden. Der Song möchte klingen, als wäre er von einer Diva gesungen worden. Geschrieben wurde er allerdings mit allen anderen Motivation-Powerpopballaden im Hinterkopf. Der Tempowechsel nach zwei Minuten macht dann ein Dancetrack daraus, aber das macht den Song leider nicht besser. Danke. Aber solche Songs sollte man seit dem Jahrtausendwechsel beim ESC nicht mehr bringen, wenn man in den Top 10 landen will. Und dafür kommt Serbien zurück?

10. Boggie – “Wars for Nothing” für Ungarn
Boggie ist Boglárka Csemer, eine Sängerin aus Budapest, die vor einem Jahr mit ihrem Song “Nouveau Parfum” bereits einen kleinen Erfolg feiern konnte. https://www.youtube.com/watch?v=sZwmo_2DOz0 War auch ein lustiges Video, welches im Prinzip eine dreiminütige Photoshop-Montage ist. Und der wesentlich bessere Song ist, denn “Wars for Nothing” mag eine nette Message haben, ist aber am Ende dann auch nur eine weitere Gitarrenballade. Herausreißen könnte der Song etwas durch eine geeignete Performance auf der Bühne, wo das Ganze sehr episch wirken kann. Aber zum so Anhören ist das nichts für mich.

11. Uzari & Maimuna – “Time” für Weißrussland
Yuri Navrotsky und Maimuna Amadu Murasjko sind Uzari und Maimuna. Und während Uzari als Sänger schon mehrfach versucht hat, mal beim ESC teilzunehmen, hat er es erst geschafft, als er sich mit Maimuna eine Violinistin zugelegt hat. Das klappt immer. Fragt nur Alexander Rybak. Oder Dima Bilan. Musikalisch ist das vollkommen in Ordnung, ein Uptempo-Popsong mit leichten elektronischen Einflüssen. Gut, Maimuna wird bei der Semi-Playback-Veranstaltung nur bezahlt um gut auszusehen, aber das wird sie eventuell auch im Finale machen. Der Song ist ordentlicher Durchschnitt.

12. Polina Gagarina – “A Million Voices” für Russland
Die in Moskau geborene Sängerin hat ebenfalls einen Musikwettbewerb gewonnen, war Teil von mehreren Bands und versucht nun beim ESC durchzustarten. “A Million Voices” ist so ein dermaßen klassischer ESC-Song, bei dem die Traditionsfanatiker vor Glück ein paar Tränen vergießen werden. Epischer Gesang, viel Pathos, Lyrics die uns alle zusammenschweißen und zum Mitleiden animieren. Mir kommt die Galle hoch, denn das Ganze ist so übertrieben stereotypisch, ich ertrage sowas absolut nicht. Aber ich weiß, dass es ankommen wird. Ich weiß, warum das als Mitfavorit gehandelt wird. Argh. Ja, das wird punkten.

13. Anti Social Media – “The Way You Are” für Dänemark
Ein vorher recht unbekanntes Quartett, welches sich auch erst letztes Jahr zusammengefunden hat, bringt einen Sound zum ESC, den es dort in den 90ern oft gegeben hat. Und der auch eigentlich ausgestorben war. Gibt es solchen Pop wirklich noch? Selbst für Dänemark klingt das, als hätte man sich ein paar Generationen zurückentwickelt. Vor Aqua. Und wie passt der Song eigentlich zum Bandnamen? Und die aalglatte Band zum Bandnamen? Ich verstehe das Konzept nicht, ich verstehe den Sound nicht und ich wette fünf Euro, dass diese Gruppe das Halbfinale nicht übersteht. Was ist das?

14. Elhaida Dani – “I’m Alive” für Albanien
Von “Star Academy Albania” und “Top Fest” zu “The Voice of Italy”. Die erst 22-Jährige Elhaida weiß wie es ist, einen Wettbewerb zu gewinnen – laut ihrem Wikipedia-Artikel hat sie bisher jeden Contest gewonnen, an dem sie teilgenommen hat (wobei ich darauf wette, dass sie in dieser Woche lernt wie es ist, zu verlieren). Singen kann die Dame auch, definitiv. Starke Stimme, netter Popsong. Nichts, was einem lange im Ohr bleibt, aber geht durchaus nach Vorne, kann man sich anhören und sticht auch ein wenig aus den vorherigen Liedern hervor. Könnte im Finale untergehen, aber hier sollte es zum Weiterkommen reichen.

15. Voltaj – “De la capăt (All over Again)” für Rumänien
Am dieser Stelle fällt mir auf, wie wenig Teilnehmer ihre Songs wirklich in ihrer Landessprache singen. Selbst die Songs aus Ex-Jugoslawien werden nun meistens noch umgeschrieben und die bereits seit 1982 (!) bestehende Band Voltaj ist tatsächlich nach den Finnen erst die zweite Band im Halbfinale, die in ihrer Landessprache singt – zumindest teilweise. Spoileralarm: Im zweiten Halbfinale kommen immerhin auch noch zwei Bands dazu und wenigstens Frankreich, Spanien und Italien singen in ihren jeweiligen Sprachen. Der Song ist übrigens eine bisschen schleimige Popballade. Könnte sogar sein, dass der Song, weil er schon tierisch langweilig ist, im Halbfinale versauert. Wäre allerdings auch kein Verlust.

16. Nina Sublatti – “Warrior” für Georgien
Einer von zwei Songs im Wettbewerb, die “Warrior” heißen. Ein Song für echte Powerfrauen, gesungen von einem Ruslana-Abklatsch. Huskies und Falken im Video, aber einen dicken Pelzmantel. Was zur Hölle? Allerdings mag ich den Song, kann man sich definitiv anhören. Trommeln und Streicher, Gesang in Ordnung. Ist wirklich nichts Besonderes, das steht fest. Aber es gibt im Halbfinale weitaus schlimmere Songs als das hier.

 

Fazit:
Die Qualität der Songs reicht bis auf wenige Ausreißer definitiv von gutem, eingängigen Mittelmaß bis hin zu durchaus guten Songs.
Favoriten bei den Buchmachern sind Estland und Russland, die ich definitiv auch im Finale sehe. Dazu kommen meiner Meinung nach noch Finnland, Georgien, Albanien und Mazedonien.
Belgien und Moldawien vielleicht auch. Ist nicht einfach in diesem Jahr. Allerdings hoffe ich, dass ich Serbien und Dänemark nie wieder hören muss.

Dann schauen wir mal, wie meine Einschätzungen zur Meinung von Europa passen, oder zu eurer Meinung? Wie findet ihr die Songs?

Wir lesen uns in zwei Tagen beim zweiten Halbfinale wieder!

Previous Post Next Post

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply