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Back to Black – L.A. Noire Re-Review

Vor 7 1/2 Jahren sind wir mit der WG nach Charlottenburg gezogen. Wie es so üblich ist, fehlt am Anfang in einer neuen Wohnung so Einiges – wie das Internet zum Beispiel. Die Möbel mussten noch in einem Zimmer gesammelt werden, das da Parkett in den anderen Räumen mehr schlecht als recht versiegelt wurde, also stand im heutigen Wohnzimmer eine Couch, ein Fernseher und eine Xbox 360. Damals noch keine One, kein S, kein X. Wie gut, dass in diesem Zeitraum im Frühsommer 2011 “L.A. Noire” auf den Markt kam. Produziert von Team Bondi – die es inzwischen nicht mehr gibt – und herausgebracht von Rockstar Games – die scheinbar nicht in der Lage sind, Müll auf den Videospielmarkt zu werfen. Danke dafür!

Während man das Spiel neben Xbox One, PlayStation 4 auch erstmals auf eine Nintendo-Konsole bringt – mit einem unverschämt hohen Preis – hat man das Update natürlich einer kosmetischen Generalüberholung unterzogen. Tollere Texturen hier, geschärfte Kanten da, Auflösung und so weiter. Dass die Personen teilweise noch immer wie Holzmännchen herumlaufen und das Ganze durchaus klobig und hakelig wirkt, ist eben so. Das Spiel ist sieben Jahre alt. Dennoch sieht ein “Red Dead Redemption” ohne Super Enhanced Turbo Edition 2000 trotz einem Jahr mehr auf dem Buckel besser aus. Wichtig ist aber, was drin steckt.

Vom Prinzip die Complete Edition. Alle DLCs, alle Fälle, die komplette Geschichte von Cole Phelps noch einmal erleben. Der Kernpunkt von “L.A. Noire” sind die Kriminalfälle. Mit musikalischer Untermalung werden Tatorte besucht, Leichen untersucht, Indizien unter die Lupe genommen und Schlussfolgerungen gestellt und wenn man an einem Ort fertig ist, ertönt ein akustisches Signal und man kann die Geschichten unbesorgt weiter erleben. Die Art der Fälle ist bis heute beispielslos. Gleiches gilt für die Mimik der Charaktere, denn jede Figur wurde von einem echten Schauspieler gespielt (Fans der Serie “Mad Men” werden etliche Leute wiederkennen), die von 32 Kameras im Detail aufgenommen wurden. Im Verhör schlucken die Befragten, schauen nervös zur Seite und so muss man entscheiden, ob man den Leuten glaubt, ihre Aussagen anzweifelt oder sie der Lüge bezichtigt. Fantastisches Gameplay!

Woran das Spiel meiner Meinung nach krankt ist die Spannungskurve. Kriegsveteran Phelps beginnt seinen Dienst 1947 bei der Polizei von Los Angeles und löst als Streifenbulle einen Mordfall. Er wird zum Detective, erst im Verkehrsdezernat, später beim Morddezernat und in der Sitte und findet sogar den Mörder der sogenannten “Black Dahlia” Elizabeth Short (ein berüchtigter, bis heute ungelöster und realer Mordfall). Die Zeit beim Morddezernat ist mit Abstand die Spannendste des Spiels, während im Hintergrund durch Rückblenden eine weitere Geschichte aufgebaut wird, die dann im letzten Dezernat abgeschlossen wird. Das letzte Kapitel hat mich nicht die Bohne interessiert, weder beim ersten Durchspielen vor sieben Jahren, noch heute und hindert das Spiel in meinen Augen auch daran, ein absolutes Meisterwerk zu sein.

Abgesehen davon, dass ein storylastiges Spiel für mich keinen hohen Wiederspielwert haben muss und ich es auch nicht schlimm finde, wenn es außer zig Dingen, die man sammeln kann und einigen Straßenverbrechen, die alle nach dem Schema “Gangster, Pistole, Tod” ablaufen, wenig zu tun gibt im Los Angeles der 40er Jahre, ist es am Ende der große Plot, das große Ganze, das mich einfach nicht ergreift. Andere Spiele wie “Heavy Rain” schaffen nicht nur die Spannungskurve besser, sondern lassen den Spieler emotional auch viel intensiver an die Charaktere ran, als “L.A. Noire” dies mit dem verschlossenen Cole Phelps macht. “L.A. Noire” ist ein streckenweise auch langatmiges Spiel, welches wirklich wie eine Serie aufgebaut ist und durchaus einen zweiten Teil verdient gehabt hätte, bei dem das Pacing stimmt, die Charaktere interessanter sind, die Fälle noch abwechslungsreicher wären und der Spannungsbogen passt.

Es gab bei der Entwicklung wohl etliche Probleme und letztendlich auch so große Komplikationen zwischen Rockstar Games und Team Bondi, dass man sich voneinander trennte und die Entwickler nicht mehr existieren. Die Marke allerdings lebt und vielleicht wird ja solch ein Update des Spiels mit guten Verkaufszahlen Rockstar davon überzeugen, doch einen zweiten Teil zu entwickeln oder entwicklen zu lassen. Wenn man sich vorstellt, dass Rockstar mal eine Serie hatte, in der “GTA 4” 2008 (DLCs 2009), “Red Dead Redemption” 2010, “L.A. Noire” 2011, “Max Payne 3” 2012 und letztlich “GTA 5” dann 2013 ursprünglich erschienen ist und seitdem kein großer Release mehr veröffentlicht wurde ist schon die Frage, ob und wieviel Rockstar nun nach “Red Dead Redemption 2”, welches auf 2018 verschoben wurde, noch in der Pipeline hat. Neben “L.A. Noire” würde sich auch ein neuer Teil vom beliebten “Bully” anbieten, aber es gibt in die Richtung keinerlei Ankündigungen.

Wer “L.A. Noire” nie gespielt hat, wird mit dem Spiel nichts falsch machen, sollte aber warten, bis der Preis unter 30 Euro fällt. Es ist ein gutes Spiel, welches in dem Aspekt der Mimiken noch immer absolut unerreicht ist und macht in den Stunden durchaus Spaß. Wenn man Zeit für etliche Cutscenes hat.

7/10

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